Gucken geht, Segeln ist gefährlich

Im September 2021 lädt Richard zu einem Segelnachmittag mit seiner Swede 41 Sleipnir ein. Seit er mir die Pinne für drei unvergessliche Stunden vor und hinter der Fehmarnsundbrücke überlassen hat, warne ich vor diesem seglerischen Elysium. Denn mit Richard Segeln ist eine gefährliche, folgenreiche Geschichte. Weniger, weil es da mit ordentlich Krängung zur Sache geht. Eher deshalb, weil der Genuss für normale Wohn- und Segelboote versaut.

Wer sich verschärft für‘s Segeln und Schärenkreuzer interessiert, den irritieren zwei Beobachtungen. Erstens hat dieses Boot reichlich Tuch. Das geht gleich vorne am Bugbeschlag mit einer flott aus- und eingewickelten 47 qm Leichtwind“waffe“ los. Sie wird im heutigen Regatta-Schicksprech „Code Zero“ genannt. Die probieren wir unterwegs zur Fehmarnsundbrücke gleich mal beim ersten Kräftemessen mit einer X-Yacht älteren Baujahres aus. Diesen generös besegelten Bootstyp begegne ich an Bord eines Schärenkreuzers bei leichtem Wind äußerst ungern. Wir bestehen die Prüfung zu unseren Gunsten. Könnte der Segeltag für kleine Jungs besser beginnen?

Swede 41 mit stattlicher Segeltragzahl

Bereits mit Fock und Groß liegt die Segeltragzahl bei starken 5,2. Mit der erwähnten Leichtwindwaffe anstelle der Fock sind es schlimme 6. Es ist in diesen Zusammenhang vielleicht interessant, wie dieser Wert zustande kommt. Nun, hier wird die Segelfläche mit der Verdrängung anhand folgender Formel verrechnet: 2. Wurzel aus der Segelfläche in qm, geteilt durch 3. Wurzel aus der Verdrängung in t. Zum Einordnen: Übliche Fahrtenyachten sind mit 3,5 – 4, moderne Boote mit 4,3 – 5 unterwegs. Bei einem Hauch von Wind heißt die Segeltragzahl 4 schlimmes parken, 5 = hoffen, 6 = glückseliges Grinsen.

SegeltragzahlSwede 41 Sleipnir
Molich X
S 30
Lotusklassischer 30er
Verdrängung in t
43,83≈ 3,50≈ 2,752,7
Am Wind Segelfläche Groß & Fock
664338,132 
Am Wind Segelfläche Groß & Genua5349,84352,50
Am Wind Segelfläche Groß & Code Zero87
Segeltragzahl Groß & Fock5,24,244
Segeltragzahl Groß & Genua4,64,64,75,2
Segeltragzahl Groß & Code Zero6

Swede 41 ist beeindruckend steif

Nun ist es ja ganz schön, allerhand Tuch zu setzen. Nur bleibt die Frage, wie lange wir an diesem Septembertag bei zunehmendem Wind damit segeln können. Dank des 50-prozentigen Ballastanteils, er hängt an der tiefen Kielunterkante, hat Sleipnir eine sagenhafte Endstabilität. Damit messern wir eher wie eine R-Yacht (Meterklasse) als ein klassischer Schärenkreuzer oder Siebzigerjahre Tourenvarianten wie die dänische Molich X, S 30 oder Lotus an der Windkante rum. Mit viel Tuch bei 5 – 6 Windstärken ist es mit diesen Booten mühsam. Das Vorsegel muss gewechselt werden und das Groß gerefft.

Bei Sleipnir bleibt die Deckskante auch in deftigen Böen auf Normalnull des Meeresspiegels. Ich lehne im komfortabel gepolsterten Cockpit mit der Ostsee in Schulterhöhe. Das ist ein rattenscharfes Erlebnis mit großem Suchtfaktor.

So deckt Sleipnir das übliche Windspektrum vom lauen Lüftchen bis Schlimmviel deutlich besser ab als klassische Schärenkreuzer und gleich große moderne Tourenversionen. Die sind bei wenig Wind nämlich etwas untertakelt und bei viel Wind dann vergleichsweise rank. So führt Sleipnir die Entwicklung des Bootstyps in den vergangenen 2 1/2 Jahrzehnten vor. Ich kenne die ersten Pläne des Bootes aus den Neunzigerjahren. Damals wurde es neben Swede 41 als Relaunch des S30 mit dem kantig-voluminösen Aufbau der zweiten Fisksätra Serie als Swede 41 classic entworfen.

Die Sache mit dem aufrichtenden Moment

Um zu verstehen, wie das möglich ist, hilft ein zweiter Blick in die Segelphysik, genauer auf das sogenannte “aufrichtende Moment”. Leider ist die Ermittlung  dieses Wertes eine komplizierte Sache. Erfreulicherweise gibt es einen Online Rechner des schwedischen Mastenbauers Seldén für übliche Serienboote. Ich habe mehrere Yachtkonstrukteure gefragt, ob er brauchbar ist.

Matthias Bröker von Judel/Vjrolijk & Co macht darauf aufmerksam, dass der Rechner erhebliche Unschärfen enthält, da die Schwerpunkte des Auftriebs, des Ballastes und des gesamten Gewichtes der einzelnen Boote ebenso unberücksichtigt bleiben, wie unter anderem die Wasserlinienbreite. Seinem süddeutschen Kollegen Klaus Roeder von Carpe Diem Yacht Design zufolge ist es wichtig, bei solch einem Vergleich die tatsächlichen Bruttogewichte statt optimistischer Prospektangaben zu berücksichtigen. Hakan Södergren, der unter anderem die Swede 68 entwickelt hat, bestätigt, dass sich das Tool immerhin zur groben Einschätzung der aufrichtenden Momente eignet.

Übersicht aufrichtende MomenteSleipnir
Molich X Meter

S 30

Lotus
Klassischer 30er (Bijou Typ)
Breite in mm
2.5002.5502.5002.1502.180
Tiefgang in mm
1.7801.6001.5001.5001.500
Verdrängung in kg
4.0003.830≈ 3.500≈ 3.0002.700
Ballast in kg1.9001.8201.4501.2501.376
moderner Wulstkielja
aufrichtendes Moment des Bootes in kNm bei 30 ° Krängung19,815,614,410,7 11
entspricht Kraft in kg an 10 m Hebelarm
202159151109112

Nun kann sich kein Mensch etwas unter der Einheit Kilonewtonmeter vorstellen. Zum Glück gibt es im Internet diesen Rechner hier. Er zeigt, wieviele Kilogramm Masse am Ende eines 1 m langen Hebels für die jeweiligen kNm aufzuwenden sind. Was das wiederum in 10 m Höhe heißt, habe ich in der untersten Spalte für die verglichenen Boote als Fazit zusammengestellt: Im Vergleich zum klassischen Schärenkreuzer und der ähnlich schlanken Tourenschäre Lotus ist Swede 41 mit dem doppelten aufrichtenden Moment unterwegs. Das ergibt die beeindruckende Endstabilität, auch wenn niemand auf Dauer bei 30 Grad Krängung segelt, wie es das folgende Foto vom Demosegeln zeigt.

Swede 41 Sleipnir
Dank tiefem Kiel und modernem Rigg ist Sleipnir bei viel Wind gut zu handhaben – Foto Marc Bielefeld
Karbonmast von Southern Spars

Swede 41 Vorläufer wie der klassische Schärenkreuzer und die Siebzigerjahre-Tourenversionen haben filigrane Riggs. In meinen Augen passen sie zu diesem filgranen Bootstyp besser. Der Anblick des klobigen Southern Spars Karbonmastes, mit dem Sleipnir aufgetakelt ist, sagt mir nicht so zu. Dafür überzeugt er beim Segeln mit seinem backstagslos einfachen Handling. Das ermöglichen die nach achtern geneigten Salinge, wie sie bei heutigen Mainstreambooten aus der Wohnboot-Großserie bis hin zu den aktuellen Luffe Yachten üblich sind. 

Sehr angenehm beim Segeln mit Richard finde ich, dass er praktisch nichts sagt. Er lässt Dich einfach mit offenem Mund steuern, lächeln und genießen. Es steigert aber auch die Wirkung. Und verschlimmert die Konsequenzen: Wie soll denn nach diesem Genuss der Entzug gelingen? So stolpere ich nach dem Anlegen benommen ums Hafenbecken, hole tief Luft und überschlage bei einem Spaziergang Richtung Mühle, wie ich jetzt auch zu so einem Segelspielzeug komme. Was ließe sich versilbern? Und wie erkläre ich die Sache zu Hause?

Mit dem Charme von gestern und den Finessen von heute – Foto Marc Bielefeld

Also Freunde: Am Geländer des Ostbeckens in Lemkenhafen lehnen, gucken und gaffen geht gerade noch. Die stilsichere Ausstattung mit modernen Andersen Niro Winschen in der aktuell scheißfeinen Full Steel-Serie, dazu die schicken Spinlock Klemmen, die Harkenblöcke mit funkelnden Edelstahlwangen, die kühlen Loophole-Barberholer bewundern, all das ist schon riskant. Dann holt Ihr Euch am besten an der Bar vom Samoa ein Eis und schlagt Euch die Sache aus dem Kopf. Denn diese Sonderanfertigung der angesehenen Rosättra Werft, de facto ein Einzelbau, war richtig teuer.

Swede 41 zum Gourmetsegeln

Eins möchte ich dem Richard abschließend schon zugute halten: Zwar ist er eine gefährlich bescheidene Low-Profile-Type mit nurschlimmer Feile, andererseits aber auch ein piekfeiner Kerl. Denn der Richard meldet immer bei Regatten wie Max Oertz in Neustadt oder Schlank & Rank in Lemkenhafen, was bei mir stets übles Fracksausen auslöst. Sleipnir ist mit 67 qm am Wind unterwegs, Gamle Swede bei doppeltem Gewicht mit 74 qm. Ist halt alles Physik, oder? Fairerweise lässt es aber dabei. Irgendwie ist er bei solchen Events dann da, aber nur im Hafen. An der Startlinie erscheint er nie. Ich habe den Richard an diesem Samstag im September mal gefragt, warum er das macht. „Och, weißt Du, ich bin halt bloß Gourmetsegler“, sagt er. Tja, da kann ich nur hoffen, dass der Richard einfach so bleibt wie er ist.

Länge12,50 m
Länge Wasserlinie≈ 10 m
Breite2,50 m
Tiefgang≈ 1,78 m
Verdrängung leer3,8 t
Verdrängung beladen≈ 4 t
Ballast (Blei)1,9 t
übliche Am Wind Besegelung (Großsegel und Fock)66 qm
Großsegel40 qm
Fock26 qm
Code Zero47 qm
Gennaker80 qm
Leichtwind Besegelung am Wind87 qm
Frischwassertank im Kiel130 l
Verhältnis Länge/Breite5 : 1
Werft/BaujahrRosättra, Norrtälje 2016 -18
Elektromotor mit Welle

4,8 – 5,2 kW für 4,5 kn Reisetempo, 7,8 kW für 6 kn Vollgas

4 Lithium 160 Ah Batterien, Reichweite15 – 20 sm

  Foto oben von Marc Bielefeld