Zehntelmillimetergenaues Fräsen des 30er Schärenkreuzers vom Typ Bijou, Reimers 52, in der Modellbauabteilung der Hamburger Schiffbauversuchsanstalt

30er Schärenkreuzer Reimers 52

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Dem ersten deutschen Neubau nach dem Zweiten Weltkrieg namens Bijou im Jahr 1967 durch Friedrich Winterhalter folgte eine stattliche Flotte neuer 30 m2 Schärenkreuzer. Es waren überwiegend solche aus einer pflegeleichten Kunststoffschale mit Holzausbau anhand einer Konstruktion von Knud Reimers aus dem Jahr 1952. Das Modell, es wird in der Szene Bijou-Typ genannt, ist beim Regattasegeln als Allrounder bewährt. Der preiswert zu fertigende und pflegeleichte Rumpf aus glasfaserverstärktem Kunststoff mit einem edlen Teakdeck und Mahagonikajüte führte zu einer Renaissance der Klasse und weltweit einmaligen Flotte klassischer Schärenkreuzer in einem zusammenhängenden Revier wie dem Bodensee.

1983 kam es zu Irritationen um den Entwurf eines modernen, als deutlich schneller angekündigten Bootes von Friedrich Judel namens Contra, dessen Geschichte in einem separaten Artikel beschrieben ist, siehe Link unten. Daraufhin entschied die Internationale Vereinigung der 30 m² Schärenkreuzer Klasse im Juni 1984, nur noch Neubauten zum Regattasegeln zuzulassen, die weitgehend dem Bijou-Typ entsprechen. Bereits als Schärenkreuzer vermessene Boote älteren Baujahres wurden wie gehabt als Klassiker zum Regattasegeln zugelassen.

30er Schärenkreuzer Bijou: Werft- statt Konstruktionsklasse

Damit beschritt die regional in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz maßgebliche Interessenvertretung der 30er Schärenkreuzersegler einen Sonderweg. Denn Schärenkreuzer sind eine Konstruktionsklasse, die lediglich den 1925 letztmalig überarbeiteten Vorschriften zu entsprechen haben. Darüber befindet der weltweit zuständige Dachverband namens Svenska Skärgårdskryssare Förbundet (SSKF) in Stockholm. Die süddeutschen Segler führten davon abweichend Grenzmaße und detaillierte Bauvorschriften ein, die sogenannte Tabelle B. Wie der folgende Blick in diese Tabelle zeigt, führte die Begrenzung auf Spielräume im 3 bis 10 cm Bereich und damit nahezu zu einer Einheitsklasse. Da die Rechte zum Bau des Bijou-Typs der Werft Beck & Söhne gehörten, war der 30er Schärenkreuzer ohnehin schon eine Werftklasse.

Länge über Alles12,40 m +/- 10 cm
Ideelle Länge10,45 m +/- 10 cm
Länge Wasserlinie8,90 m +/- 10 cm
Überhang Bug60 cm +/- 5 cm
Überhang Heck1 m +/- 10 cm
max. Breite2,18 m +/- 3 cm
Freibord Mittemax. 60 cm
max. Tiefgang1,50 m +/- 3 cm
Kajüthöhe68 – 80 cm
Kajütlängemin. 2 m

Leider blieb den 30er Seglern die endlose und unerfreuliche Diskussion um die Boote und Bauausführung erhalten. Friedrich Winterhalter hielt die neuerdings festgelegten Bauvorschriften teilweise für handwerklich unsinnig. Andererseits gab es Neubauten der Beck Werft, wo beispielsweise die Kajütgröße nicht den Vorschriften entsprachen oder die aus anderen Gründen nicht zum Regattasegeln zugelassen wurden.

2004 übernahm der langjährige 30er Schärenkreuzersegler Artur Schwörer die Führung der Klassenvereinigung. Wie andere Fans des schönen Bootes hatte er keine Lust mehr auf endlosen Zwist. Wer nach einer arbeitsreichen Woche zum Segeln an den See kommt, möchte nicht streiten, sondern mit vergleichbaren Booten Regatten segeln, abends zusammen essen, trinken und feiern. Er möchte eine schöne Zeit auf und am Wasser verbringen und sich erholen.

Hinzu kam, dass die in kleiner Serie gefertigten Boote zu teuer wurden, um Einsteiger und junge Segler zu begeistern. Die Klassenvereinigung wollte daher die Voraussetzungen zur preiswerten Serienfertigung und zugleich fairen Sport schaffen, der auf der Regattabahn durch seglerisches Können statt kostspieligen Sonderkonstruktionen entschieden wird. Der Preis sollte damals bei 100 Tausend Euro einschließlich Mehrwertsteuer liegen. Ähnlich wie Friedrich Winterhalter bei der Bootswerft Beck Anfang der Siebzigerjahre mit dem Schritt zur günstigeren und pflegeleichteren Gfk-Serienfertigung die Erfolgsgeschichte der 30er Schärenkreuzer eingeleitet hatte, setzte sich Schwörer für eine 30 m2 Einheitsklasse mit identischen Rümpfen ein, die aus einer, der Klassenvereinigung statt Werft gehörenden Schale entstehen sollten. Die Rümpfe sollten dann mehreren Werft zum Ausbau zur Verfügung stehen.

Digitalisierung des Reimers Entwurfs durch Juliane Hempel

Dazu machte er eine clevere Rochade. Als langjähriger Kunde der Werft Beck & Söhne beauftragte Schwörer die Bootsbauer auf der Insel Reichenau mit dem Neubau eines formverleimten Mahagonibootes namens La Pericolosa (GER 154) für seine Söhne und organisierte den Kauf der Bijou-Rechte durch die Klassenvereinigung, damit auch andere Werften das Boot bauen können. Bei der Gelegenheit wurde die Bezeichnung von Bijou-Typ in Reimers 52 geändert. Die Zahl bezieht sich auf das Konstruktionsjahr 1952.

Um die Sache richtig zubeginnen, gab er der angesehenen Yachtkonstrukteurin, Klassiker- und Schärenkreuzer-Spezialistin Dipl.-Ing. Juliane Hempel den Auftrag, die Linien von Knud Reimers digital nachzukonstruieren. Hempel glich kleine Asymmetrien nebst Unebenheiten des Rumpfes am Rechner aus und übergab die neuen Pläne dem schleswig-holsteinischen Bootsbauer Thomas Bergner. Dessen Werft beplankte einen Positivkern aus 38 Millimeter dicken Abachi-Brettern über Schablonen, sogenannten Mallspanten.

Hamburgische Schiffbau-Versuchsanstalt fräste 56 Jahre alte Schärenkreuzer-Konstruktion

Der Positivkern wurde in der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt (HSVA) von einer computergesteuerten Fünfachsfräse, die sonst mit der präzisen Fertigung maßstäblicher Schlepptankmodelle für die Großschifffahrt, den Spezialschiffbau und die Marine beschäftigt ist, nach vierstündiger Einrichtungszeit in 16 Stunden auf zehntel-Millimeter-Genauigkeit anhand der Daten von Juliane Hempel bearbeitet. Wie das Aufmacherfoto des Artikels zeigt, wurde dabei eine etwa einen Zentimeter dicke Schicht der Holzoberfläche abgetragen. Die CAD-gesteuerte Bearbeitung gewährleistete eine symmetrische und sogenannt „strakende“, das heißt beulenfreie Form.

Von diesem bei der HSVA gefrästen Positivblock nahm die Bergner Werft eine Negativschale zur Serienfertigung des 12,38 x 2,18 m großen Rumpfes ab. Die senkrechte Teilung entlang der Mittellinie des Bootes war aufgrund der Heckpartie und der zum Deck leicht eingeschnürten Spantform (Tumblehome) nötig. In dieser neuen Form laminierte die Werft 2007 zwei Rümpfe. Einen mit weißem und einen mit dunkelblauem Gelcoat über einem Außenlaminat mit doppelt gesponnener und geteilter Matte und Vinylesterharz.

Anstelle des Kernmaterials aus bislang verarbeitetem Balsahirnholz wurden die Boote mit dem gasungsfreien Styrolacrylnitril (SAN)-Schaum des kanadischen Herstellers Corecell gebaut. Die Außenhaut wurde mit Vinylesterharz laminiert. Das innere Laminat entstand mit Epoxyharz und E-Glasgelegen unter Vakuum. Die Harze des unter Vakuumdruck zu einem belastbaren Faserverbundteil zusammengepressten Sandwich härteten 16 Stunden bei 50 Grad aus. Die zeitgemäße Bauweise sollte bei Wahrung der klassenseitig vorgeschriebenen Flächengewichte verwindungsarme und haltbare Boote zum Regattasegeln bringen.

Das zuerst fertig gestelle Exemplar des Reimers 52ers namens Hunkes II, Seglernummer GER 153 – Foto Michelsen Werft

Die Schalen wurden am Bodensee mit Teakdeck und einem Mahagoni-Aufbau ausgebaut. Der weiße Rumpf wurde bei der Michelsen Werft in Friedrichshafen am Bodensee komplettiert. Das Boot mit der Segelnummer GER 153 heißt Hunkes II. Das blaue Boot erhielt die Segelnummer GER 155 und heißt Emile Bleu. Betrüblicherweise ist es nach meiner Kenntnis bislang bei diesen beiden Exemplaren geblieben.

Foto oben von HSVA: Positivblock für den Reimers 52 beim Fräsen in der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt. Dank an die Klassenvereinigung, Juliane Hempel, die HSVA und Thomas Bergner für die Einblicke. 30. März 2026 veröffentlicht, 30. März 2026 aktualisiert. Abonnieren Sie den → kostenlosen Newsletter und Sie verpassen keine neuen Artikel.

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