Die Sun Odyssey 410 Inis der französischen Jeanneau-Werft sinkt östlich der Kieler Förde von dem Schönberger Strand.

Sun Odyssey 410 Inis

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Dieses Portal widmet sich den individuellen schönen Yachten und somit einer absoluten Nische im Bootsmarkt. Da erstaunt der folgende Artikel über den Untergang eines hochbordigen 12,35 x 4 m Kompaktbootes aus französischer Großserienproduktion wohl. Andererseits zeigt er, was angesichts des enormen Kostendrucks im derzeitigen Serienbootsbau schief läuft. Wenn Segelyachten fast ausschließlich anhand des Platzangebots und des Preises gekauft werden, gucken Hersteller, wo sie sparen können. Gespart wird dort, wo der Laie es nicht sieht, bei der Montage des Bugstrahlruders. Bemerkenswert an diesem Kasus ist auch, wie sich der Bootshändler Gründl verhalten hat.

Die Auszeit an Bord ist so schön, dass viele von einem eigenen Boot träumen. Dieser Traum wird aus naheliegenden Gründen mit einem bezahlbaren Volumenmodell aus der Großserie verwirklicht.

Hinzu kommen der professionelle Auftritt und das Markenversprechen. Der französische Hersteller Jeanneau ist seit 1959 im Geschäft, hat eigenen Angaben zufolge mehr als 250 Tausend Boote gebaut und gehört seit 1995 zur Werftgruppe Bénéteau. Bénéteau baut seit 1884 an der französischen Atlantikküste Boote. Heute ist Bénéteau neben Bavaria in Unterfranken und Hanse in Mecklenburg-Vorpommern hinsichtlich Stückzahlen der weltweit größte Bootshersteller.

Der Untergang der Sun Odyssey 410 Inis

Bei so viel Tradition, großen Namen und gelieferten Booten glaubten das norddeutsche Mitglied der Santiano-Band, der Musiker Peter David Sage, und seine Frau Inés, mit der Odyssey 410 eine gute Wahl getroffen zu haben. Sie bestellten das Boot bei der Flensburger Niederlassung des Bootsimporteurs Gründl. Allerdings erschien den Sages das Boot rank, weshalb sie recht früh in der Saison, am 24. März 23, zur Klärung der Angelegenheit in Heiligenhafen ablegten, um ihr Boot zum Service Point von Gründl nach Flensburg zu bringen. Wie das obige Foto zeigt, endete die Überführung östlich der Kieler Förde vor dem Schönberger Strand.

Warnung von Jeanneau beiseitegelegt

Drei Wochen vorher, am 1. März 23, hatte Jeanneau sämtliche Händler, auch die Firma Gründl, per E-Mail darauf hingewiesen, dass eine bestimmte Serie, darunter das Boot des Ehepaares Sage, mit vermutlich mangelhaft installierten Bugstrahlrudern geliefert worden sei. Die Boote müssten daher vor dem Einwassern bis Anfang April geprüft und nachgebessert werden. Gründl nahm die E-Mail zur Kenntnis und unternahm nichts.

Als das Ehepaar am 24. März nun gegen einen frischen Westwind bei entsprechendem Seegang Richtung Kieler Förde dieselte, ging Inés Sage unter Deck, um etwa aus der Kajüte zu holen. Entsetzt entdeckte sie Wasser im Schiff. Pete Sage handelte schnell, indem er Bremen Rescue per Handy anrief, die ein DGzRS-Boot schickten. Glücklicherweise lagen ein aufgepumptes Schlauchboot auf dem Vordeck. Sie setzten es aus und stiegen über. Inés Sage berichtet in einem Telefonat, dass das Boot innerhalb von zehn Minuten nach Entdecken des Wasser im Salon voll lief und unterging. Wie das folgende Video zeigt, war Pete Sage so kühn, alles zu filmen.

Wie zum Teufel konnte das Boot plötzlich untergehen?

Angesichts der wenigen Minuten, die dem Ehepaar blieb, das Richtige zu tun, und auch des kalten Ostseewassers Ende März, ging die Sache glimpflich ab. Zur Klärung der Frage, warum das Boot gesunken war, wurde es gehoben, an Land untersucht.

Moderne Yachten mit flachem Unterwasserschiff haben ausfahrbare Bugstrahlruder. Bei der zwei Jahre alten Sun Odyssey 410 steckte es in einem etwa 40 x 25 cm großen Ausschnitt. Spezialist Sleipner liefert für die Bugstrahler seiner Serien SR 80 und SR 100 einen Gfk-Rahmen, der mit angedicktem Polyesterharz ins Boot zu laminieren ist. Die Untersuchung des Bootes durch den Kieler Bootsbauer und Yachtgutachter Georg Huthmann ergab, dass die französische Jeanneau-Werft das Bugstrahlruder ohne diesen Rahmen montiert, es stattdessen mit reichlich Luft und einer dauerelastischen Dichtmasse (Silikon oder Sikaflex) an gerade mal drei Punkten in den Schacht des Bootes geklebt hatte. Es handelte sich um eben das Problem, auf das Jeanneau seine Händler hingewiesen hatte.

Nach längerem Palaver mit Jeanneau-Mitarbeitern bei der Besichtigung des Schiffes war der Flensburger Segler und Fachanwalt für Yachtrecht Jochen-P. Kunze es leid. Er drückte das Bugstrahlruder von Hand ins Boot. Bei vier weiteren deutschen Jeanneau dieses Typx ging die Sache glimplich ab, kam es infolge dieser Machart zu Leckagen.

Gründl stellte sich dumm

Gründl informierte die Eigner der betroffenen Boote zwecks Schadensbegrenzung erst, nachdem die „Inis“ gesunken war, und zwar mit einer teilweise geschwärzten Nachricht. Addi Bauer vom Service-Point Flensburg tauchte ab. Die Sages waren so empört, dass sie die Staatsanwaltschaft einschalteten. Gründl erklärte daraufhin, die Warnung von Jeanneau zwar am 1. März bekommen, jedoch anders verstanden, und daher nichts unternommen zu haben. Die Staatsanwaltschaft gab sich mit dieser Erklärung zufrieden und verfolgte die Angelegenheit nicht weiter.

Sikaflex statt Laminat

Man kann sich schwer vorstellen, dass die Werft einer seegehenden Yacht ein derart großes Bauteil so achtlos im Unterwasserschiff montiert. Es erscheint geradezu fahrlässig. Im Mittelmeer gab es drei ähnliche Fälle. Ein Boot lief deshalb am Liegeplatz voll. Jeanneau erwog zunächst, die Bugstrahlruder mit einigen waagerechten Bohrungen und Schrauben besser im Ausschnitt zu befestigen und das Ganze wieder mit der flotten Kartuschenlösung zuzuschmieren. „Die handwerklich richtige Lösung ist der Ausbau des Bugstrahlruders, die Reinigung und Anschleifen der Kunststoffflächen. Danach wird es mit angedicktem Polyesterharz einlaminiert und so zu einem belastbaren Bestandteil des Rumpfes“, erläutert der gelernte Bootsbauer und Yachtgutachter Georg Huthmann. Die „Inis“ wurde als Totalschaden abgeschrieben. Ebenso zäh wie die technische Klärung verlief die Regulierung des Schadens.

Wer den Untergang des Bootes als Anlass zum altbekannten Bashing der französischen und deutschen Großserienhersteller nimmt, macht es sich zu leicht. Denn leider ist auch im skandinavischen Bootsbau nicht alles Gold, was glänzt. Ich habe da schon dolle Sachen gesehen. Wer ein Boot maßgeblich anhand des Preises kauft, bekommt, was er bestellt hat. Das ist bei anderen Dienstleistungen oder Konsumgütern genauso. Wieso sollte es im Bootsbau anders sein?

Dank den Yachtgutachter Georg Huthmann, Inés und Pete Sage. Foto oben von Pete Sage: Inis beim Untergang vor dem Schönberger Strand. 9. April 26 veröffentlicht, 9. April 26 aktualisiert. Abonnieren Sie den → kostenlosen Newsletter und Sie verpassen keine neuen Artikel.