Yacht Beratung: Vor- und Nachteile der Segelrollanlage

Die Vorsegel Rollanlage hat zahlreiche Vorteile. Beim Fahrtensegeln, wo es um Bequemlichkeit und Sicherheit geht, lässt sich das Tuch bei zunehmendem Wind, vor dem Anlegen oder in einem Notfall von der Plicht aus bergen. Mit dieser seit Jahrzehnten üblichen Wickeltechnik wird die Segelfläche komfortabel angepasst. Das ist für Charterer, Segeleinsteiger, Seltensegler, die kleine Crew oder das ältere Ehepaar interessant. Große Yachten mit entsprechenden Segelflächen lassen sich damit überhaupt erst handhaben.

Mit flachen Tüchern in der passenden Größe bei viel Wind – Foto Michael Amme

Auch bei Regattabooten ist die Rollanlage üblich. Beim Drachen, Dyas, Lacustre, klassischen Schärenkreuzern oder dem Dreimannkielboot Trias ist die Rollfock oder -genua selbstverständlich. Sie ist nach dem Setzen des Spinnakers flink eingerollt. So stört das Vorsegel beim Umstecken des Spinnakerbaums nicht. Und vor der nächsten Kreuz ist es flott ausgerollt. So macht die Rollanlage auch auf der Regattabahn das Segeln ringsum einfach.

Die Nachteile der Rollreffanlage

Ist die Frage damit entschieden? Nein, denn nach meiner Beobachtung hat die Vorsegel Rollanlage gerade beim Fahrtensegeln gravierende Nachteile. Und zwar dann, wenn sie zum Reffen genutzt wird. Das wird der Segelmacher auf dem Messestand so wenig zugeben, wie der Verkäufer einer neuen Yacht. Der Verkauf von Bootszubehör und Verschleißteilen ist ein gutes Geschäft.

  • Das teilweise eingerollte Vorsegel steht schlecht. Ausgerechnet bei viel Wind, wo man ein flaches Profil nötig braucht, ist die rollgereffte Genua bauchig.
  • Die Rollstange und das aufgewickelte Segel ergeben als dicke Wurst um das Vorstag einen schlechten Windanschnitt.
  • Das Tuch wird um den kleinen Durchmesser der Rollstange gewickelt. Der große Zug von der Schot, die unregelmäßige Wicklung mit Falten und überdehnten Lieken führen zu einem enormen Verschleiß. Entsprechend kurz ist die Lebensdauer des Vorsegels im Rollreffbetrieb. Ein regelmäßig genutztes Rollsegel ist nach wenigen Jahren hin.
  • Das Tuch einer Markise lässt sich gleichmäßig einrollen, weil es keinen Bauch für den Vortrieb braucht. Es ist nur mit großen Kompromissen möglich, ein Vorsegel so zu profilieren, dass es teils aufgewickelt passabel steht.
  • Bei den meisten Systemen hängt die Sicherheit des Bootes bei Starkwind an der dünnen Bergeleine. Die durchgescheuerte und reißende Bergeleine bringt Boot und Besatzung bei viel Wind in der offenen See in Schwierigkeiten.
  • Bei der üblichen Installation ist die Trommel für die Bergeleine an Deck montiert, was das Vorliek kürzt und die Segelfläche reduziert.
  • Verschleiß durch schwergängige Lager gerade in südlichen Revieren wie dem Mittelmeer durch Salz und den üblichen Sand.
  • Probleme durch Fehlbedienung und vergessene Wartung.
  • Gewicht und Kosten.
Clevere unter Deck Lösung von Bartels für einen Daysailer von Biehl
Clevere unter Deck-Lösung von Bartels für einen Daysailer von Biehl Marin – Foto Bartels

Es gibt für kleine bis mittelgroße Boote elegante unter Deck Lösungen mit Kardanwelle im Deck (Fabrikat Bartels) oder ins Deck integriert (Furlex/Selden). Hier sitzt der Segelfuß an oder nahe am Deck. Für mittelgroße bis große Yachten gibt es solche Lösungen von Reckmann. Und es gibt ebenfalls von Reckmann hochwertige selbsthemmende Systeme motorisierter Furler, wo das Getriebe die Rollstange mit dem teilweise aufgewickelten Segel zuverlässig hält. Der moderne Bootsbau bringt den Wickelmechanismus mittlerweile platzsparend und formschön unter.

Es bleiben der schlechte Segelstand des teils aufgerollten Segels, der Verschleiß, die Kosten und Wartungsaufwand. Die Mehrheit der Segler und Bootsurlauber nimmt das aus den eingangs beschriebenen Gründen in Kauf.

Funktion als Wegrollanlage

Moderne Rennyachten wie die Imoca 60, Comanche oder die Club Swan 125 Skorpios sind mit mehreren hintereinander angeordneten Vorsegeln unterwegs, die entweder komplett aus- und eingerollt werden. Diese Wegrollfunktion erlaubt es, die Boote Tag und Nacht am Limit zu segeln.

Kuttergetakelte Tourenboote sind schon lange mit zwei hintereinander montierten Vorstagen unterwegs. Auch hier bietet sich die Wegrollfunktion an. Vor einer Weile verkaufte ich einmal eine Swede 41 an den Golf von Lyon, ein Gewässer, das für seinen brutalen Mistral bekannt ist. Das Boot wurde sicherheitshalber mit einem zusätzlichen Stag zum Setzen einer Sturmfock geliefert, die hinter der eingerollten Fock oder Genua gesetzt wird. Der Nachteil, dass dieses Sturmstag meist ungenutzt von dem Mast hängt, wurde zugunsten der Sicherheit in Kauf genommen.

Anspruchsvolle Fahrtensegler, die Komfort und Sicherheit der Vorsegelrollanlage schätzen und dabei auf guten Segelstand Wert legen, nutzen sie als Wegrollanlage. Sie fädeln morgens passend zum absehbaren Wind das geeignete Tuch in die Nut der Rollstange ein. Abends beim Ansteuern des Hafens wird das Segel dann aufgewickelt. Bei längerer Abwesenheit wird das Vorsegel von der Rollanlage und aus der Sonne genommen. Als Wochenendsegler machen sie das jeden Sonntag. Es sind wenige Handgriffe, die die Lebensdauer des Segels deutlich verlängern.

Profilstag statt Rollanlage

Nun ist dieser Aufwand fast so groß, wie das Setzen und Bergen des Segels mit einem Profilstag. Ich bin seit Jahrzehnten mit solch einem Stag unterwegs. Ich brauchte eine Weile, bis ich die Finessen zum Einfädeln des Segels in das Profil (Abstand über Deck und Position des Vorfädlers) heraus hatte. Und ja, es macht etwas Mühe, das Segel morgens zu setzen, es abends zu bergen und es zu zweit an Deck zusammen zu legen. Danach wird die etwa 30 cm dicke Rolle hinter dem Reißverschluß des vier Meter langen Schlauchs verstaut und auf das Kajütdach gelegt. Es gibt zwei solcher Schläuche. Einen für die 30 qm Fock und einen für die 20 qm Starkwindfock (Yankee).

Profilstag statt Wegrollanlage

Die Mühe lohnt sich mit der jahre- bis jahrzehntelangen Lebensdauer des Segels aus herkömmlichem Polyestertuch/Dacron. Auch sind hinsichtlich Segelgröße und -schnitt keine Rücksichten auf die Rollanlage zu nehmen. Lange, rechtwinklig im Achterliek der Fock sitzende Latten, davon die oberste wie beim Großsegel durchgehend, bieten ein gutes Profil. Sie stabilisieren das Segel ausgezeichnet.

Es ist ein Genuß, mit diesem Segel an den Wind zu gehen, die Windfäden im Vorliek parallel anliegen zu sehen, die Düse zwischen Achterliek und Großsegel einzustellen und loszufahren. Dieses Spiel zwischen Höhe und Geschwindigkeit spielt sich ohne Kompromisse am besten.

Foto oben von Martin Werft/Bartels: die 8 mR-Yacht Sposa II