Zwölferbiegen

Bis Freitag, den 31.5.19 war auf Gamle Swede klar: einen Zwölfer sehen wir auf der Regattabahn ein Mal – beim Start. Dann sind die 22 Meter, angetrieben von 240 Quadratmetern, weg. Da sich kein denkender Mensch mit dumpfer Anmaßung die Packung holt, legen wir mit gebotenem Realismus in Neustadt zur 19. Max Oertz Regatta ab.

Anita Freitag beim Warm Up zur Max Oertz Regatta

Anita Freitag beim Warm Up zur Max Oertz Regatta 2019

Wir, das sind drei Segelfreunde von der Seglervereinigung 03 aus Berlin, ein Kölner und ich. Die Berliner und ich waren ein paarmal zusammen auf dem Wasser. Da wir noch keine zusammen Regatta gesegelt haben, legen wir eher ab, verteilen die Jobs, üben das Spibaum umstecken und packen alles wieder weg.

Dann geht es los. Wir starten zügig. Die stattliche Anita schiebt sich vorsichtig zwischen den zahlreichen kleineren Booten hinter uns auf die Bahn. Erste Erkenntnis nach bangen Blicken über die Schulter: Anita läuft gut, aber so unhaltbar wie gefürchtet ist sie nicht. Schon weicht die Demut der Anmaßung: „Mal gucken, ob wir die bis zur Luvtonne halten.“

Samstag bei der zweiten Kreuz im Kielwasser

Anita kommt: Samstag bei der zweiten Kreuz im Kielwasser – Foto Vincent Volpe

Es klappt. Mit brauchbarem Spinnakerhandling schaffen wir es sogar vor ihr über den Raumschotskurs. Die Mundwinkel sind oben. Dann brettert der weiße Schlitten von hinten ran und rauscht gnadenlos in Lee vorbei. Hingerissen von der Schönheit des Zwölfers gucken wir uns das Spektakel schicksalergeben am. So eine tolles Schiff sieht man selten in Aktion.

Die zweite Wettfahrt des Tages verläuft ähnlich. Guter Start, erster an der Luvtonne. Dann pflügen die 27 Tonnen vorbei. So ganz in Stein gemeißelt ist die Hackordnung jedoch nicht. Die Berliner Jungs und der Kölner sind gut. Mit der neuen Fock des Bad Schwartauer Segelmachers Arnd Deutsch laufen wir schnell und hoch am Wind. Das war bereits im Sommer 18 zu sehen und wird jetzt bei der Regattapremiere des neues Segels deutlich.

Solange von Anita viel rot zu sehen ist, ist alles im grünen Bereich

Solange von Anita viel rot zu sehen ist, ist alles im grünen Bereich – Foto Vincent Volpe

Nach der großen Spargelsause von Manfred Miera Freitagabend im Neustädter Partyzelt werfe ich auf dem Weg zur Koje noch einen Blick auf Anita. Da werden gegen Mitternacht die Kaltgetränke, schlimmeres Zeug und die Boxen an Deck gestellt – für die eigentliche Party. Etwa zehn junge Leute versammeln sich vor dem Mast.

Vor der eigentlichen Max Oertz Regatta am Samstag – die gestrigen beiden Läufe waren bloß das Warm up – lassen wir das Grußwort des Bürgermeisters  aus. Die Segelstreber sind wieder früh auf dem Wasser. Anita kommt etwas später – heute mit einer  Fock. Die Genua gestern war zu viel. Die 80 qm Fock, das ist mehr als wir insgesamt setzen. Wir absolvieren das erste Drittel des klassischen Dreiecks-Regattakurses 1 – 2 – 3 und die Kreuz zur Luvtonne 1 vor Anita. Zwei Kurse gegen den Wind und wir führen immer noch. Keine Ahnung wie, aber diesmal haben wir den Zwölfer gehalten. Diese Amerika-Pokal Bootsklasse, die wie ein Tier an der Wind geht. Der Film zeigt das Ende der zweiten Kreuz. Wir sind stolz wie Bolle.

Dann mache ich nach dem Runden der Luvboje einen entscheidenden Fehler. Wir setzen den Spinnaker auf meine Ansage hin auf der falschen Seite. Dazu klappen wir die 130 qm auch noch zu früh auf. Miguel kriegt das prall gefüllte Tuch kaum ganz hoch. Erst hat Michael die Finger in der Spischotwinsch, dann ich den kleinen Finger der linken Hand beim Versuch ihm zu helfen. Chaos. Anita zieht unbehelligt vorbei, rauscht zur Leetonne, luvt an und fährt weg. Die Mundwind sind unten. Alles vergeigt? Der Zwölfer ist durch, muß uns Verfolger nur noch decken. Der Film zeigt was passiert:

Anita wendet  nach der Boje, segelt Richtung Timmendorf und verschenkt ihr Heimspiel . So segeln wir ungedeckt Richtung Neustadt mit mehr Wind, guten Drehern und entscheiden die maßgebliche Kreuz und letztlich das Rennen für uns. Nach gesegelter Zeit analog auf dem Wasser, verrechnet auch. Zwölfer biegen. Die Mundwinkel bleiben lange oben.

Unterwegs zur letzten Boje der Max Oertz Regatta 2019

Anita achteraus. Unterwegs zur Zielkreuz der Max Oertz Regatta

Fotos und Videos von Vincent Volpe

4. Juni 2019