Ein wunderbarer Samstag

Nach einer langen Arbeitswoche ist es schön, mit der Liebsten und einem dieser hübschen, leider unpraktischen Einkaufskörbe zum Wochenmarkt zu gehen. Besser als der klassische Weidenkorb mit hartem Rand, der immer an die Beine dengelt, ist der weiche aus farbenfrohem Flechtwerk afrikanischer Herkunft. Unterwegs gibt es den ersten oder vielleicht schon zweiten Kaffee und man schaut, was das Wochenende noch so bringt.

Nun nutzt sich glückende Freizeitbeschäftigung auf Dauer leider ab. Außerdem gibt es in unseren Breitengraden Jahreszeiten, deren Samstage Segler in den dunklen und kalten Monaten schon zum Besuch des Wochenmarkts nutzen. In der anderen Jahreshälfte wird samstags gesegelt. Das klappt mit flachbordigen und schlanken Booten gut, die wunderbar sensiblen Segelgenuss bieten.

Die Schärenkreuzer Regatta Schlank & Rank

Das Treffen der schlanken Boote findet alle zwei Jahre zur besten Wochenmarktzeit an einem Samstag im westlichen Fehmarnsund statt. Es heißt Schlank und Rank”. Das Besondere dieser Regatta ist, dass es hier um den schönsten Bootstyp überhaupt, die eleganten Planken des klassischen Schärenkreuzers geht. Und zwar in all seinen seit Anfang des letzten Jahrhunderts gebauten Größen, Typen und auch Nachfolgern, die streng genommen keine Schärenkreuzer sind.

Doch wozu sich mit solchen Definitionsfragen aufhalten, wenn man mit Gleichgesinnten und schönen Booten schön Segeln möchte? Weil Schlank und Rank Erfinder Georg Milz wie beim erwähnten Regatta-Rhythmus ringsum gelassen ist, lädt er artverwandte Boote wie den herrlichen Drachen, Touren Schärenkreuzer und ähnliche Erzeugnisse aus den Siebzigerjahren ein. Das Event ist also auch, doch eben nicht allein eine Klassiker- oder Schärenkreuzer Veranstaltung. Es ist, weltweit einmalig, einfach Schlank & Rank.

Schlank & Rank Regattakurs kreuz und quer durch den westlichen Fehmarnsund – Foto Manage to Sail/SVLF

Schärenkreuzer aus Holz oder Kunststoff?

Bekanntlich kommt für Liebhaber klassischer Holzboote Kunststoff nicht in Frage, weil Holz sich anders anfassen und bearbeiten lässt. Falls Sie auch nur mal ein kleines Loch in ein Gfk-Boot gebohrt haben, verstehen Sie das. Von schlimmeren Maßnahmen wie der Vorbereitung eines Laminierjobs zu schweigen. Der langfristige und vorausschauende Erhalt eines Gfk-Bootes ist furchtbar. Er ist beinah Asbestklasse.

Ein Holzboot riecht und klingt, es altert anders. Ein klassischer Holzschärenkreuzer ist im Vergleich zur modernen, etwas hochbordigeren und breiteren Gfk-Variante eine unübersehbar andere, zweifellos schönere Welt. Jedoch nur, wenn er über Jahrzehnte hinweg regelmäßig gepflegt wurde und gravierende Sachen in Ordnung sind. Soweit die Planken, das Deck, der Süllrand, die Kajüte und die Plicht gut im Lack stehen. Man kann das in Lemkenhafen sehen, wo die ungeteilte Bewunderung den Holzbooten gilt. Der 15er Romance 2 von Hans Milz, der 15er Reed Wing und die Oj Oj, der 22er Finiekette seines Bruders Georg oder Torsten Jegminats 22er Tricksonita sind eine andere Weilt. Es sind liebevoll erhaltene Boote, stilvoll bis hin zur Original Takelage mit gekrümmten Holzmasten, Violin- und Jumpstagen.

Dennoch gibt es Klassikersegler, die aus naheliegenden Gründen mit modernen, pflegeleichten und etwas komfortableren Exemplaren liebäugeln oder schon gewechselt haben. Denn so hinreißend die Boote sind, sie müssen zu den persönlichen Verhältnissen passen.

Der Erhalt eines Klassikers braucht dauerhaft Zuwendung, handwerkliches und organisatorisches Geschick. Soweit es eher um agiles Segeln geht und weniger um den Fetisch eines echten schwedischen Schärenkreuzers, spielen Material und die Form eine untergeordnete Rolle. Da kann das Boot aus Kunststoff mit modernem Kiel und Ruder sein, zugunsten der Segelleistung am Wind und dem Bordleben eine Idee breiter und ein klein wenig hochbordiger sein.

Georg Milz hat dafür seine Lösung gefunden. Er hat zwei Boote, eines für die kleine Flucht am Nachmittag oder Klassiker Regatten und ein etwas komfortableres für Touren. In den vergangenen Jahren legte er zum Sommertörn mit einer modernen Variante vom Typ Smaragd aus Kunststoff mit Treadmasterdeck und umlaufender Alufußleiste ab, die er zur Saison 23 zugunsten Steh- statt Bückhöhe durch eine Elvstrøm/Kjærulff Konstruktion zum Fahrtensegeln ersetzte. Die ist etwas länger, satte 280 Zentimeter breit und deutlich höher. Die Swede 38 ist ein Siebzigerjahre Kompromiß aus Segeln und Bordleben. Milz hat Zeit, in einer seiner Reethallen Platz und einen Trecker für die kurzen Wege ans Wasser. Da gehen zwei Boote.

Moderne Ylva statt Klassiker Mälar 30

Das zweite Beispiel ist die Geschichte von Bernd Böhnecke. Neulich stieg der langjährige Klassikersegler von seiner Mälar 30 namens Smilla auf eine moderne 30er Variante vom Typ Ylva um. Dieses in Dänemark beliebte Kunststoffboot wurde 1973 von Steen Kjølhede entworfen und von der späteren Luffe Werft 89 Mal gebaut. Es ist 12,20 m lang, 2,30 m breit, etwa 3 ½ t schwer und bietet als reizvolles Regattaboot und Daysailer unter dem gestreckten Aufbau gewissen Platz mit Übernachtungsoptionen fürs Wochenende und den Sommertörn. Ähnlich interessante Alternativen zum klassischen Schärenkreuzer sind auch die dänische Dynamic 35, Molich X, die BB 10, die Touren Schärenkreuzer vom Typ Lotus oder der S30. Nicht zu vergessen die Luffe 37, die bei der Regatta mit zwei Booten vertreten war. Der S30 bietet im angehobenen hinteren Niedergangsbereich der Kajüte Stehhöhe. Interessant ist auch der spezielle Mix aus pflegeleichtem Kunststoffrumpf mit ansehnlich niedrigem Mahagoniaufbau und Teakdeck vom Typ Swede 41. Die Spielräume des Thema Schlank & Rank wurden und werden seit den Siebzigerjahren immer wieder neu sehenswert ausgelotet.

Es gibt in Schweden, Dänemark und neuerdings auch in Deutschland manches reizvolle Exemplar, das Schlank & Rank bereichern würde, etwa der hübsche Beck 22er namens Tizia oder der Reimerssche S40 Touren Schärenkreuzer, von dem es einige Exemplare in Schweden und neuerdings eines an der norddeutschen Ostseeküste gibt. Also Freunde, statt Wochenmarkt mal den ersten Samstag im Juli 25 freihalten.

Start Schärenkreuzer Regatta Schlank & Rank Gruppe 3, Yardstick Boote
Start der modernen Boote in der separaten Yardstick Wertung – Foto Torsten Nitzsche

Es war ein Fest, die Boote in Aktion zu sehen. Den wunderbar gepflegten und ausgezeichnet gesegelten Holzdrachen Coima, die drei 15er, zwei 22er, den Mälar 25 und Mälar 30 bis zur klassischen 55er Schäre Sonja. Leider blieb in der Startphase und während der Regatta kaum Zeit, sich die Boote anzugucken. Erfreulicherweise hat Torsten Nitzsche schöne Regattafotos gemacht. Immerhin hatten die Segelfreunde und ich auf Gamle Swede auf dem letzten Raumschotkurs von der Fehmarnsundbrücke Richtung Heiligenhafen Gelegenheit Oj Oj schön nah in Aktion zu sehen. Der Clip von Richard Natmeßnig zeigt, wie leicht der klassische 15er Schärenkreuzer durchs Wasser geht.

Drei, in Böen an die vier Windstärken aus Ost boten glattes Wasser und damit ideale Bedingungen. Es segelten jeweils sechs Klassiker anhand des von Enno Thyen für den Freundeskreis Klassische Yachten entwickelten und seit Jahrzehnten bewährten Klassiker Rennwert (KLR) in den Wertungen KLR 1 und 2, außerdem neun moderne Boote in einer separaten Yardstickgruppe.

Ein wunderbarer Lauf

Für Gamle Swede, meinen 55 qm Touren Schärenkreuzer vom Typ Swede 55 mit annähernd 9 Tonnen, waren es ideale Bedingungen. Ab drei Windstärken läuft es mit Groß und Fock gut. Hier konnte das Boot im Vergleich zu den kleineren Exemplaren mit mehr Höhe und Geschwindigkeit zeigen, was es kann, sodass wir am Wind die Yardstickzahl aussegelten, während wir diesmal ohne Spinnaker gegenüber Böhneckes gut gesegelter Ylva namens Lønne raumschots wieder Zeit verloren. Der Vergleich zwischen Swede 55 und den kleineren modernen dänischen Konstruktionen wie Ylva und Molich X (letztere früher bei Schlank & Rank vertreten), die mit nach achtern durchgezogener Breite Formstabilität, Steifigkeit und Am Wind Leistung bieten, ist interessant. Schlank & Rank ist eine einzigartige Gelegenheit, sich das genauer anzusehen. Bereits dieser Vergleich macht die Regatta so interessant.

Die vierer Böen waren wunderbare Geschenke. Die intensiv genossenen Stunden auf dem Wasser bei mittelmeerischen bis karibischen Bedingungen waren ein seglerisches Niwarana. Ein Highlight, von dem die Segelfreunde und ich lange zehren.

Foto oben von Torsten Nitzsche: Hans Milz beim Ablegen zur Regatta.