S30 Touren Schärenkreuzer

Modell des S30 mit Skeg-geführtem Ruderblatt und bis 1976 gelieferter Propellerwelle
Modell des S30 mit Skeg-geführtem Ruderblatt und bis 1976 gelieferter Propellerwelle – Ausschnitt aus Foto von Karolina Kristensson CC BY-SA 4.0 Sjöhistoriska Museet

Ende der Sechzigerjahre denken schwedische Schärenkreuzer Segler über ein pflegeleichteres und komfortableres Boot nach. Sie mögen ihre eleganten Schärenkreuzer und den wunderbaren Segelgenuß. Doch ist der Erhalt der betagten Holzboote mühsam. Und viele Segler haben mittlerweile Familie, die auf den schmalen und flachbordigen Klassikern nicht genug Platz findet. Etwas mehr Komfort wäre bei der allsommerlichen Auszeit in den Schären schön. Auch ist in den Sechzigern kein einziger klassischer Schärenkreuzer mehr in Schweden gebaut worden. Es ist also Zeit für einen neuen Bootstyp, den sogenannten Touren Schärenkreuzer.

S30 Touren Schärenkreuzer als Siebzigerjahre Kompromiss

Zu bauen aus dem damals neuen Material, Glasfaser verstärkten Kunststoff (GfK). Als Serienerzeugnis preiswert und pflegeleicht. Damals versuchen sich mehrere Konstrukteure und Bootsbauer an diesem Thema, einem Siebzigerjahre Kompromiss aus traditionell ansehnlicher Linie, Tourentauglichkeit und erträglichem Aufwand zur Bootspflege. Der erfolgreichste dieses Bootstyps ist der S30 mit gut 300 gebauten Exemplaren. Als einziges Boot der etwa 12 m langen Touren Schärenkreuzer bietet er annähernd Stehhöhe. Es gibt dieses Boot in zwei Versionen. Hier geht es um die erste Variante.

S30 Vorläufer: Reimers' 22 qm Einheitklasse Udell für den Michigan See
S30 Vorläufer: Reimers’ 22 qm Einheitklasse Udell für den Michigan See © CC BY-SA 4.0 Sjöhistoriska Museet

S30 Vorläufer Udell 22 vom Michigansee

Nachdem erste Ideen und Skizzen bereits im Winter 1969 auf der Stockholmer Bootsmesse gezeigt werden, nehmen Sven Ejdestam und die Göta Segelsällskap die Sache in die Hand. Sie schlagen beim Schwedischen Seglertag in Malmö 1970 die Entwicklung eines gut segelnden Familienbootes auf der Grundlage der Schärenkreuzervermessung vor. Mit einer Spende von Tausend Schwedenkronen bringt der Schwedische Seglerverband das Projekt auf den Weg.

Reimers-Zeichnung 1967 zur Gfk-Fertigung der 22 qm Udell Klasse
Reimers-Zeichnung 1967 zur Gfk-Fertigung der 22 qm Udell Klasse © CC BY-SA 4.0 Sjöhistoriska Museet

Knud Reimers wird mit dem Entwurf des sogenannten Göta 30 beauftragt. Wie ab Seite 272 des vorzüglichen Buches The World of Square Metres beschrieben, hat Reimers bereits eine Vorlage dazu, den Entwurf eines 22 qm Schärenkreuzers für einen Kunden in Chicago von 1955.

Reimers' erster O30 Touren-Schärenkreuzer Entwurf mit traditionell geneigtem Spiegel, August 1970
Reimers’ erster O30 Touren-Schärenkreuzer Entwurf mit traditionell geneigtem Spiegel, August 1970 © CC BY-SA 4.0 Sjöhistoriska Museet

Für das windreiche Gewässer des flachen Michigansee mit kurzer und steiler Welle hat er ein 11 x 2 m messendes Boot mit angehobenem Freibord und gestreckter Kajüte gezeichnet. Daraus wird 1963 die amerikanische Einheitsklasse namens Udell 22. 1967 überarbeitet Reimers seine Pläne zur Kunststoff-Serienfertigung mit leicht angehobener Kajüte. Sieben Udell 22 werden aus Holz und später vier in den USA aus Kunststoff gebaut. Es ist offensichtlich, dass Reimers dieses Konzept zur Entwicklung des S30 mit nochmals höherem Aufbau nutzt. Sogar die Windschutzscheiben-ähnliche Spritzkappe am Ende des gestreckten Aufbaues taucht in seinem neuen Entwurf auf.

Reimers’ O30-Entwurf August 1970 mit klassisch geneigtem Spiegel und roten Änderungen © CC BY-SA 4.0 Sjöhistoriska Museet

Die familien- und tourentaugliche Schärenkreuzervariante bekommt 15 cm mehr Freibord als der klassische Renndreißiger. Die im Niedergangs- und Pantrybereich gewünschte Höhe bringt Reimers im achtern angehobenen Aufbau unter. Die stufige Kajüte mit größeren hinteren Fenstern ist ein Merkmal Reimersscher Fahrtenboote, etwa des Seekreuzers Bacchant, auch der größeren Schwestern Jubilee S40 und Swede 55.

Abweichend vom klassischen Schärenkreuzer und im Unterschied auch zur Tourenschäre vom Typ Lotus gibt Reimers dem S30 mehr, und zwar 2,50 m Breite. Dies kommt dem Platz und Segeltragevermögen zugute. Das Boot hat eine Mittelplicht und auch eine komfortable Achterkajüte. Letztere ist besonders bei Kindern und Gästen beliebt.

Knud Reimers S30 Vorentwurf
Knud Reimers’ Zeichnung von August 1971 unter anderem mit vorwärts geneigtem Spiegel © CC BY-SA 4.0 Sjöhistoriska Museet

Die Zeichnungen zeigen ein weiteres Reimers Merkmal, nämlich den an Deck bzw. auf dem Kajütdach stehenden Mast. Der Druck wird über zwei Schotten nach unten ins Boot verteilt. Diese Lösung hatte Reimers zuvor bei seinen klassischen Schärenkreuzern und auch großen Booten wie Agneta bereits verwirklicht. Sie spart auf engen Booten Platz unter Deck. Auch gelangt an dieser notorisch feuchten Stelle kein Wasser den Mast entlang ins Schiff.

Zeichnung von Knud Reimers zum S 30 Touren Schärenkreuzer
Der fertige S30 Entwurf von Oktober 1971 © CC BY-SA 4.0 Sjöhistoriska Museet

Die Neglinge Werft in der Nähe von Stockholm baut 1971 das erste Boot, von dem zur Serienfertigung bei der Fisksätra Werft in Västervik die Formen abgenommen werden.

Bau durch Fisksätra Werft

Die Fisksätra Werft hat sich als schwedischer Gfk-Pionier mit Schiffen für die Marine, den Zoll sowie Sportbooten einen Namen gemacht. Ein fünfköpfiges Konsortium, darunter Jacob und Marcus Wallenberg bürgt mit einer stattlichen Summe, damit Fisksätra mit dem Bau der Boote beginnen kann. Es ist zunächst an eine Serie von hundert Exemplaren gedacht. 1971 wird bereits der Prototyp getestet, die Serienfertigung beginnt 1972. Ein S30 kostet damals ohne Segel 59.700 Schwedenkronen einschließich Mehrwertsteuer.

S30 with alternative Deckhouse
Alternative mit Holzdeck und stufenlosem Mahagoniaufbau von März 1975 © CC BY-SA 4.0 Sjöhistoriska Museet

Das Boot wird zunächst mit Welle, später mit dem damals neuen Saildrive 100 S Antrieb von Volvo Penta geliefert. Mit dem separaten Ruder, welches über die ganze Länge von einem Skeg geführt ist, versucht Reimers die Anerkennung seines Entwurfs als Schärenkreuzer zu bekommen. Die Schärenkreuzerregel verlangt, dass das Ruder vorne über seine ganze Länge geführt sein soll. Gemeint war mit dieser Führung allerdings der Kiel, weshalb der Kniff letztlich nicht geklappt hat. Der Skeg wurde bald gekürzt – und von manchem langjährigen S30 Segler später zugunsten eines freistehenden Ruders ganz abgenommen.

S30 Touren Schärenkreuzer mit Saildrive Antrieb
Der Antrieb mit Saildrive Getriebe folgt 1974 – CC BY-SA 4.0 Sjöhistoriska Museet

Im Zeitraum 1972 bis Ende 77 entsteht der S30 in der hier gezeigten ersten Kajütversion bis Bau- und Segelnummer 229. Der Bootstyp ist in Skandinavien, Norddeutschland und am Bodensee beliebt. 1974 gibt es bereits 15 Boote am Bodensee. Und es gibt Boote in England, den USA, in der Karibik, Südafrika und Australien. Um den norddeutschen Vertrieb kümmert sich damals zunächst der Kieler Segler Jürgen Budzyn, in Süddeutschland Friedrich Winterhalter von der Werft Beck & Söhne, die bereits gute Verbindungen zu Reimers über den Renndreißiger vom Typ Bijou hat.

Der S30 wird als Liebhaberstück von vielen Eignern jahrzehntelang behalten. Oft bleibt er über Generationen in der Familie. Als dauerhaft interessantes Schiff, das eine seglerische Weiterentwicklung zulässt, wird es von manchem Liebhaber mit größeren Binnenriggs und hochwertiger Ausstattung optimiert. Es gibt im Prinzip zwei Gruppen von Eignern: Die Senioren, die ihr Boot seit Jahrzehnten unbeirrt segeln, darunter mancher Segler einen klassischen Renndreißigers, und die nächste Generation junger Leute, die die gebrauchten Boote übernehmen.

Zwei Meinungen zum S30

Über den S30 gibt es zwei unterschiedliche Meinungen. Die einen mögen das Boot wegen des unübersehbaren Kunststoff und der Höhe des Kajütaufbaues weniger. Hinzu kommt die Schwäche bei leichten Wind. Anspruchsvolle Segler bemängeln, dass der S30 infolge seines geringen Ballastanteil von 1,45 t gegenüber dem tatsächlichen Gewicht von über 4 t bei Wind rank ist. Andere mögen den antiquierten Reimersschen Kajütaufbau mit den gemütlichen hinteren Fenstern und genießen es, ein ringsum pflegeleichtes Boot zu haben. Man kann den S30 so, wie er ist, jahrzehntelang segeln.

Rückblickend bleibt festzustellen, dass mit diesen Kunststoffbooten, auch wenn sie im Detail vielleicht nicht jedermanns Sache sind, das seglerisch reizvolle Schärenkreuzer-Konzept zeitgemäß fortgeschrieben wurde. Bemerkenswert ist, dass die schöne Linie des Rumpfes in Verbindung mit dem sehenswerten Aufbau der Swede 41 Classic ab und zu noch für Liebhaber entsteht.

S30 Whisper in Newport/USA
S30 Whisper im amerikanischen Seglermekka Newport/USA – Foto privat

Interessant am S30 ist auch, dass er mit 2,50 m Breite getrailert werden kann. Mit einem gebremsten Anhänger und passenden Auto sind damit schöne Gewässer Europas wie die Ostsee, der Bodensee, Starnberger See, der Chiemsee, Genfer See, die Adria und das Mittelmeer zugänglich. Mit dem S30 hat man ein tourentaugliches und seetüchtiges Schiff, ohne die hohe Liegegebühr ferner südlicher Reviere zahlen zu müssen. Und man hat es im Winterhalbjahr für laufende Arbeiten in der Nähe.

Übrigens ließ sich Knud Reimers den Entwurf des Bootes mit einem S30 bezahlen, den er mit großer Begeisterung viele Jahre und bis ins hohe Alter in den Stockholmer Schären mit seiner Frau Effi, seinen Söhnen und Freunden segelte.

Bootsdaten S30

Länge über Alles12,50 m
Wasserlinie10 m
Breite2,50 m
Breite Wasserlinie2,04 m
Tiefgang1,47 m
niedrigste Freibordhöhe0,72 m
Ballast (Blei)1,47 t
Gewicht (geplant)3,6 t
Mastlänge12 m
Brückendurchfahrtshöhe14 m
nominelle Segelfläche, Großsegel ∆ + 85 % vom Vorsegel ∆ (daher die Typenbezeichnung S30)30 m2
nominelle Segelfläche 197432 m2
Am Wind Besegelung (Groß und Fock)37,55 m2
Großsegel22,25 m2
Fock15,30 m2
Sturmfock10,65 m2
Genua 127 m2
Genua 221 m2
Spinnaker56 m2
Spinnaker max70 m2
Tatsächliche Höhe im Niedergangsbereich1,70 m
Höhe im Vorschiff1,42 m
Höhe in Achterkajüte0,90 m
zunächst Volvo Penta Zweizylinder MD 6A mit 10 PS (7,35 kW), ab ≈ 1976 MD 7A mit 13 PS (9,56 kW)
Antrieb zunächst Welle, ab ≈ 1976 Saildrive 100 S
Dieseltank20 l
Frischwassertank2 x 25 l
Bootsdaten laut Prospekt Fisksätra Werft 1977

Wie die meisten Serienboote geriet auch der S30 schwerer. In der zweiten Version kam durch den stärkeren Motor und größere Tanks weiteres Gewicht hinzu, ebenso durch Extras, wie sie Eigner im Lauf der Zeit an Bord einbauen. Ein erfahrener S30 Segler berichtet, dass sein Boot ohne Rigg und Polster bereits 4,1 t wiegt. Das Boot liegt demnach etwa 7 cm tiefer im Wasser, die Mindestfreibordhöhe ist 63 statt 70 cm. Und es hat dann mehr als die geplanten 1,47 m Tiefgang. Tatsächlich dürften es 1,55 m sein.

Mehr Segelfläche seit 1995

Die Schwäche des Bootes bei leichtem Wind wurde zunächst durch behutsame, später deutiche Vergrößerung behoben. Tatsächlich hatte der 30er Touren-Schärenkreuzer gemäß nomineller Segelvermessung (Großsegeldreieck + 85 % des Vorsegeldreiecks) 32 qm. Ein Blick auf den hier gezeigten Segelplan zeigt, wie Reimers die Fläche berechnet hat.

S30 Touren-Schärenkreuzer Segelplan von Knud Reimers
S30 Segelplan von Knud Reimers von 1972/74 mit nominell 32 qm © CC BY-SA 4.0 Sjöhistoriska Museet

Die Schwäche des S30 bei wenig Wind wird 1993 nochmals mit einer etwas größeren Segelfläche behoben. Dazu ist ein 25 cm längerer Mast mit 6 cm längerem Ausleger im Masttop erlaubt. Das Großsegel hat nun 26 statt 22 qm, die Fock 16 statt 13, die Genua 30,5 statt 28 qm. Das jetzt längere Vorstag sitzt weiter vorne im Bug und höher am Mast. Damit überlappen die Vorsegel 30 cm weniger und das Boot ist in der Standardbesegelung (Groß und Fock) mit 7-8 qm mehr Tuch unterwegs.

Kajüthöhen

Niedergang, Naviecke, Pantry1,68 m
Salon unter dem flachen Kajütaufbau1,65 – 1,55 m
Toilette1,36 m
Liegefläche Vorschiff (ohne Matratze)99 cm
Achterkajüte86 cm
S30 Bootsregister

Diese Übersicht versucht die 229 Exemplare der S30 Flotte der hier beschriebenen ersten Version ähnlich wie den S30 der zweiten Version, den Jubilee S40 und Swede 55 zu dokumentieren. Die Segelnummern entsprechen vermutlich den Baunummern und wurden international fortlaufend vergeben. Die Informationen stammen aus unterschiedlichen, teils alten Quellen. Identifizierte Segelnummern sind fett markiert. Bei einigen Boote existieren noch Etiketten mit Baunummern der Fimo-Werke. Einzelheiten dazu in der Seite über die Geschichte der Fisksätra Werft. Demnach wurden einige S30 zunächst von der dortigen Fisksätra Tochter laminiert oder auch komplett gebaut. Soweit bekannt, werden die Nummern in Bemerkungen zu den Booten genannt. Für Ergänzungen, Korrekturen und Hinweise auf weitere Boote des Typs wäre ich dankbar. Stand 10. Juni 2024

Aktive S30 Klassenvereinigung

Die seit 1974 bestehende schwedische S30 Klassenvereinigung dokumentiert Baubestimmungen und Moderisierungen, organisiert Regatten und Treffen der S30 Segler. Mehr zum S30 finden Sie in der Literaturliste, wo Publikationen, Prospekte und Artikel zusammengestellt sind. 1978 und 79 entstand das Boot in der hier dokumentierten zweiten Version mit kantigem Aufbau. Es wurde 74 mal gebaut.

Der 1970 entwickelte, auf Anhieb beliebte und bis heute gern gesegelte S30 wurde zum Prototyp weiterer Touren Schärenkreuzer von Knud Reimers. Bereits 1974 folgte die Entwickung von Swede 55 und 1981 der Jubilee S40, ein weniger bekanntes Modell mit ähnlichem Charme.

Dank an Frank Cordes, Angelika Hardtke und Wolfgang Rottner, Guido Kruse, Dieter Rinkenburger, Maria und Paul Rutishauser, Gabor Szentmarjai, Dr. András Szinesi für Infos und Ergänzung der Bootsliste.

S30 Chichester, S30 Kauri, S30 zweite Version, Swede 41, Swede 41 Classic

Bestellen Sie hier den Newsletter und Sie verpassen keine neuen Artikel.