Die legendäre Singoalla

Wie die Zeichnung verrät, brachte Singoalla auf mittschiffs tief im Boot liegenden Bodenbrettern eine Eignerkajüte mit Bad, Salon, Stehhöhe und vor dem Mast eine Kochstelle unter. Der größte je gebaute Schärenkreuzer war bei gut drei Metern Breite 24 Meter lang. Davon war das oben gezeigte Drittel bewohnbar. Die anderen zwei Drittel waren zum Angucken und Segeln.

Gustaf Estlanders Segelplan für den 150er Schärenkreuzer Singoalla von 1919
Segelplan des 150er Schärenkreuzers Singoalla von 1919 aus Uffa Fox: Sail and Power 1936

24 m Feile mit einem Meter Freibord

Singoalla stammte vom Reißbrett des gebürtigen Finnen Gustaf Axel Estlander (1876 – 1930). Und er machte keine halben Sachen. Weder bei seinen Schärenkreuzer-Entwürfen, es waren die konsequentesten Exemplare ihrer Klasse, noch auf der Regattabahn.

1918 erhielt er von Nils Österman den Auftrag zum Entwurf eines 150er Skärgårdskryssare. Der Bankier hatte die Jahre zuvor ein Vermögen gemacht. Doch während die Hästholmswerft in Gåshaga auf Lidingö bei Stockholm den Schlitten fertigstellte, befand sich seine 1913 gegründete AB Privatbanken bereits in Schwierigkeiten. 24 Meter waren damals viel Holz. So schulterte Estlander die Bootsbetriebsbürde. In Erinnerung an einen erfolgreichen Entwurf Ende der 1890er Jahre nannte er sie Singoalla.

Die Geschichte des legendären Schärenkreuzers

Die damals elf Jahre alte Schärenkreuzerklasse wurde damals mit immer längeren Booten weiter entwickelt. Infolge dünner Bordwandstärken gemäß der 1916er Schärenkreuzer-Regel (sie wurde 1920 und ’25 dann umfassend überarbeitet) gab es Probleme mit dem Neubau. So konnte Singoalla erst im Jahr darauf, ab 1920, mit einigen Verbesserungen ernsthaft gesegelt werden. Sie war den beiden anderen 150er, Ingun (1919) und Beatrice Aurore (1920) bei jeder Wettfahrt überlegen. Damals lebte Estlander aus beruflichen Gründen vorübergehend im Deutschen Reich, wo er kurz für Abeking & Rasmussen in Bremen und danach die aufstrebende Pabst Werft in Köpenick bei Berlin konstruierte. Die Deutschen wollten nach dem Ersten Weltkrieg wieder mit anderen Nationen Regatten segeln. Die Schärenkreuzer boten ihnen das internationale Parkett dazu. Dank Estlanders Geschick verkaufte die Pabst Werft Schärenkreuzer sogar nach Finnland und Schweden. Beinahe so, wie Bavaria und Hanse heute ihre Erzeugnisse nach Skandinavien exportiert.

Entwicklung der Schärenkreuzer-Takelage

Manfred Curry Segelgeometrie
Manfred Curry. Regatta-Segeln. Die Aerodynamik der Segel

In den 1910er Jahren waren praktisch alle Schärenkreuzer mit dem trapezförmigen Großsegel der Gaffeltakelage unterwegs. 1912 ließ Charles Nicholson in seiner Camper & Nicholson Werft erstmals eine große Rennyacht mit einem durchgehenden Mast für das Gaffelgroß und das darüber gesetzte Topsegel auftakeln. Auf die Telegrafenmasten des italienischen Funkpioniers Guglielmo Marconi anspielend, wurde die filigrane Takelage Marconi Rigg genannt. Und während Estlander Singoalla entwarf, ersetzte sein Kollege Nathanael Herreshoff bei seinen großen Rennyachten in den Staaten das trapezförmige Gaffelgroß durch ein dreieckiges Tuch. Estlander war mit Singoalla segeltechnisch auf der Höhe der Zeit.

Grosses Groß und kleine Fock

Die Fock wurde als Vorflügel zur besseren Anströmung des Großsegels gesehen. Manfred Curry hat das später in seinem Buch Regattasegeln. Die Aerodynamik der Segel anhand der Schärenkreuzer im Detail beschrieben. Solch eine kleine Fock hatte auch Singoalla, deren Vorstag etwa bis zur halben Masthöhe reichte.

150 m2 Skärgårdskryssare Singoalla
Singoalla vermutlich 1920 oder 21 mit schwedischer Segelnummer 3 – Foto wahrscheinlich Bertil Emanuel Norberg Kungliga Svenska Segel Sällskapet

Vier Fünftel der Segelfläche steckten bei Singoalla im Groß, der Rest in der Fock. Das Großsegel Unterliek war mit gut 11 m etwa halb so lang wie das Vorliek. Was heute seltsam antiquiert erscheint, war 1919 Stand der Technik auf dem Wasser. Keine Ahnung, wie ein knapp 130 m2 Baumwollsegel damals gerefft und abends nach dem Segeln auf dem ellenlangen Baum zusammengelegt wurde.

Singoalla am 6. August 1922 bei der Sandhamnregatta
Singoalla am 6. August 1922 bei der Sandhamnregatta – Foto (Ausschnitt) Bertil Emanuel Norberg PDM 1.0 Deed Sjöhistoriska museet

Als Finnlands Nyländska Yacht-Club 1921 in Helsinki den 60-jährigen Geburtstag mit vielen Booten feierte, entschied der ehrgeizige Estlander die Regatten mit Singoalla vor 64 Schärenkreuzern für sich. Von den 12 Regatten, die Singoalla im Lauf der drei Segelsommer 1920-22 gegen andere Schärenkreuzer segelte, gewann sie 11.

Das Foto, der Segelplan und die Segelmaße von Singoalla zeigen, wie damals aufgetakelt wurde.

Mastlänge über Deck23,25 m
P (Großsegel Vorliek)≈ 22 m
E (Großsegel Fuß)≈ 11 m
I (Höhe Vorsegel ∆)≈ 13,50 m
J (Basis Vorsegel ∆)≈ 4,20 m
vermessenes Vorsegel Dreieck (85 %)≈ 24 m2
Großsegel≈ 126 m2
Fock≈ 28 m2
Circa Segelmaße von Singoalla überwiegend anhand historischer Pläne

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Estlander 1927 die Groß- und Vorsegelfläche seines 75er Schärenkreuzerentwurfs mit 75 : 25 statt 80 : 20 nur geringfügig anders austariert hat.

Die Kajüten von Singoalla

Estlanders Einrichtungsplan zeigt, wie er bei Singoalla den Niedergang ähnlich wie bei großen Meterklassen oder J-Class Rennyachten auf halber Strecke zwischen Plicht und Mast in einem Deckshaus unterbrachte. Der Toilettenraum befand sich mittschiffs am Niedergang. Gardinen sorgten für die wünschenswerte Privatsphäre in der Eignerkajüte.

Im obigen blauen Einrichtungsplan hatte Estlander steuerbord neben dem Niedergang eine Kajüte für den Bootsmann vorgeschlagen. Skylights über der Eignerkajüte und dem Salon spendeten Tageslicht. So viel zu den acht, dem Bordleben gewidmeten Metern von Singoalla.

Womit wir beim Wesentlichen wären, den restlichen 16 Metern zum Hingucken und Schnellsegeln. Wenige erhaltene Fotos lassen erahnen, warum Singoalla als schönstes Schiff der Ostsee galt. Die flach aus dem Wasser gehobenen Überhänge streckten die Wasserlinie und damit die Rumpfgeschwindigkeit. Die Annalen berichten von zweistelligen Geschwindigkeiten raumschots in der Kieler Förde und unterwegs nach Kopenhagen. Ein Ergebnis der Länge, der schlanken Linie und des geringen Gewichts. Singoalla wog mit 16 Tonnen etwa die Hälfte eines etwas kürzeren Zwölfers.

Das Wichtigste zu diesem Schlitten ist nicht überliefert, der Genuß, Singoalla mit gerade mal einem Meter Freibord zu segeln. Nun braucht der Segler wenig Phantasie, sich das Vergnügen agilen Segelns vorzustellen. Das ist der Grund, warum immer mal wieder darüber nachgedacht wurde, das Boot anhand der vorhandenen Pläne neu zu bauen. Einer von Ihnen ist Nils Förfält aus Stockholm.

Ende auf dem Priwall?

150 Quadratmeter Schärenkreuzer Singoalla 1922 im Kanholmsfjärden/Stockholmer Außenschären
Singoalla 1922 mit finnischer Segelnummer L1 im Kanholmsfjärden/Stockholmer Außenschären – Foto Bertil Emanuel Norberg CC BY 3.0 Deed KSSS

Im Spätherbst 1922 segelte Singoalla bei viel von vorne ihre letzten Meilen von Schweden nach Travemünde. Am 15. Dezember des gleichen Jahres verbrannte sie im Winterlager der Hans Böbs Yacht- und Bootswerft am rechten Traveufer. Dort, wo sich heute die Rosenhof Seniorenresidenz auf dem Priwall befindet.

1936 veröffentlichte der Schärenkreuzersegler Uffa Fox eine lesenswerte Würdigung der Yacht in seinem Buch Sail and Power, dem einige Zeichnungen für diesen Beitrags entnommen sind.

Das flachbordig gestreckte Schiff mit dem glatten Deck, Deckshaus und Skylights passte zu ihrem Konstrukteur und Eigner, der in Finnland und Schweden als Trollkarlen, als Zauberer erinnert wird. Eigentlich kann es nicht bei den Erinnerungen, Fotos und Zeichnungen des schönsten Schiffes der Ostsee bleiben.

Bootsdaten zu Singoalla

Länge23,94 m
Länge Wasserlinie16,40 m
Breite3,35 m
Verhältnis Länge : Breite7,3 : 1
Freibord≈ 1 m
Tiefgang2,93 m
Verdrängung16 t
Ballast8 t
VermessungSchärenkreuzerregel, zweite Version von 1916
Werft/BaujahrHästholmsvarvet, Gåshaga Lidingö/Stockholm/1919
VerbleibVerlust 15.12.1922 im Winterlager auf dem Priwall/Travemünde durch Brandstiftung

Dank an den Estlander Kenner Magnus Swahn/Stockholm. Einige Informationen stammen aus dem vorzüglichen Buch The world of Square Metres des Svenska Skärgårdskryssareförbundet, dem Yachtsportmuseum des Freundeskreis Klassische Yachten, auf dessen Initiative das Bildungszentrum Hamburg-Harburg/Jugend in Arbeit in jahrelanger Arbeit unzählige Artikel, maßgeblich der Segelzeitschrift Yacht ab 1904, digitalisiert hat. Seit 2003 sind mit wenigen Klicks etwa 100.000 Seiten zum Thema zugänglich.

Foto oben: Einrichtungsplan Singoalla von Gustaf Axel Estlander 5.1.1919 – CC PDM 1.0 Deed Sjöhistoriska museet.