Die Sache mit dem Brutto-Abtropfgewicht

Ein übersehener und notorisch unterschätzter Gesichtspunkt ist das Gewicht des Bootes. Wie schwer ist es? Fährt es bei leichtem Wind noch? Wieviel Zuladung durch Extras, Proviant und Gepäck verträgt es? Dazu fünf Beispiele.

Betonmischer oder Segelboot?

Fahrtenyachten werden heute als schwimmendes Wochenendhaus gesehen. Es wird all der Komfort an Bord wiederholt, den wir von zuhause kennen, der unterwegs schön dabei zu haben und praktisch ist: Induktionsherd, Gefrier- und Kühlschrank, Geräteträger, Mikrowelle, Fernseher, Klimaanlage und Heizung, Batteriebänke, 12 zu 220 Volt Wandler, Solarzellen, Radar und Satcom, Warmwasserboiler, Waschmaschine. Hinzu kommen Bordfahrräder und Werkzeug.

Insieme 40

Bei der seit Ende 2023 auf YouTube beworbenen Insieme 40 handelt es sich um eine Neuauflage der Sunbeam 40.1. Sie wog 2015 angeblich 8,5 t. Ich sage angeblich, weil Boote bei Tests nicht gewogen werden. Dieser seglerisch entscheidende Faktencheck wäre bei Interesse mit etwas Organisation machbar, erscheint jedoch zu aufwändig. Stattdessen verlässt man sich auf die werftseitig oder vom Händler genannte Zahl. Wie kommt sie zustande? Handelt es sich um einen nie korrigierten Schätzwert aus einem frühen Entwurfsstadium? Um das Nettogewicht der sparsam ausgestatteten Yacht, oder half load, also mit halbvollen Tanks und segelfertig, wie es seriöse Yachtkonstrukteure halten. Ist es eine per Kranwaage ermittelte Zahl?

Seglerisch integre Fachleute wie Gerard Dykstra oder Juliane Hempel können zu ihren Kreationen detaillierte Angaben machen. Siehe den Beitrag zum 75er Schärenkreuzer Gustaf. Für den seglerisch interessierten Eigner ist allein das tatsächliche Brutto-Abtropfgewicht mit üblicher Ausstattung interessant. Leider ist das Boot in der Regel damit schon deutlich schwerer als zunächst gedacht.

Der Rumpf sollte genug Volumen sprich Auftrieb im Unterwasserschiff haben, damit das Boot auch mit üblichen Extras, vollen Tanks, Gepäck und Vorräten beim großen Sommertörn annähernd so schwimmt, wie vom Konstrukteur gedacht. Und die Segelfläche sollte dazu passen, damit das Ganze im lauen Lüftchen noch fährt. Die heute beliebten Rollsegel, speziell gerollte Großsegel, sind mit ihrem katastrophalen Stand den Segeleigenschaften nicht zuträglich.

Wie schwer wird das Boot?

Nun soll die Insieme 40 nochmals solider als damals bei Schöchl am Mattsee gebaut werden. Mit guten Ideen wie einer zusätzlichen Kielplatte aus Stahl, einer besonders robusten Kielaufhängung, einer Reling aus umlaufendem 25 mm Nirorohr (naja), Geräteträger und Batteriebänken, Technikraum, Heizung, Klimaanlage, Waschmaschine, einem zusätzlichen Gefrierschrank. Vorgesehen sind 440 l Frischwasser, 300 l Diesel und 65 l Grauwasser/Fäkalientank. Zusammen etwa eine viertel Tonne mehr Tankkapazität als bei der Sunbeam 40.1.

Es wird also kaum bei den früheren 8,5 Tonnen bleiben. Wird das Brutto Abtropfgewicht eher 9,5 bis 10 t sein, bei gleicher Segelfläche? Da es in den technischen Daten zur Insieme 40 keinen Hinweis gibt, habe ich mich am 19.2.24 bei Julia und Markus Luckeneder danach erkundigt und warte einstweilen die Antwort ab.

Vor einigen Jahren besuchte ich mal Markus Lenz in Lauterbach, habe mir die beeindruckend solide Bauweise der Vilm Yachten angesehen und in der Frankfurter Allgemeinen darüber berichtet. Alles gut und schön, nur: fährt das noch oder steht es unter drei Windstärken rum? Betonmischer oder Segelboot?

Bente 24 und 39

Jeder Jollen- und Regattasegler hockt bei leichtem bis mittlerem Wind so im Boot, dass die Unterkante des Spiegels nicht eintaucht. Denn die Abrisskante eines abgesoffenen Hecks zieht einen übel bremsenden Wasserstrudel hinter sich her. Seglerisch ein No-Go, wie es seltsamerweise heute bei praktisch jedem modernen Serienboot mit brodelndem Heckwasser akzeptiert wird. Bei der leeren Bente 24 bleibt die Abrisskante soeben noch über dem Wasser. Mit Crew und Außenborder nicht.

Anscheinend ist auch die Bente 39 nicht für das tatsächliche Gewicht vorgesehen. Entweder geriet sie schwerer als gezeichnet, oder das Crewgewicht und übliche Extras wurden beim Entwurf irgendwie vergessen. Die Bente 39 Promotion zeigt den brodelnden Wasserablauf.

Wie konnte dem angesehenen Konstruktionsbüro Judel/Vrolijk & Co das passieren? Es ist niemandem von der Fachpresse aufgefallen. In den Siebziger- und Achtzigerjahren war es eine J/V-Spezialität, Regattaboote mit minimaler Wasserlinie Millimeter genau so zu entwerfen, dass sie günstig vermessen und mit Crew in der Plicht bei gestreckter effektiver Wasserlinie den Admiral’s Cup gewannen. Damals wurde das Spiel mit dem Netto- und Bruttogewicht beherrscht.

Spirit 46

Vor einigen Jahren zeigte mir ein Kunde mal die Pläne einer Spirit 46. Um den Auftrag zu bekommen, hatte die Werft ihm wunschgemäß einen deutlich angehobenen Kajütaufbau, einen Seewasserentsalzer, Klimaanlage und weitere Extras eingezeichnet. Ich fragte ihn, ob Spirit Yachts ihm das zusätzliche Gewicht der Änderungen genannt hätte. Ob er sich darüber im Klaren sei, dass es bei einem 4 1/2 t Daysailer kaum Spielraum für diese Extras gibt.

Ab drei Windstärken läuft es bei Regatten – Foto Wolf Hansen/Swedesail
Swede 55

Also, damit Sie nicht meinen, ich wollte hier andere Fabrikate bashen, komme ich zum vierten Beispiel, meinem Boot. Als Knud Reimers in den Siebzigern den Swede 55 Prototyp erstmals am Steg der Fisksätra Werft sah, bemerkte er, dass seine Konstruktion tiefer im Wasser lag als geplant. Das ließ sich damals und es lässt sich heute nicht mehr ändern. Swede 55 war zunächst von Reimers unter 7 t angesiedelt, dann wurden es angeblich 7,75 t und die Segelfläche etwas vergrößert. Tatsächlich wiegt das Boot etwa eine Tonne mehr. Auf der Infoseite zu Swede 55 habe ich die Zahlen genannt.

Deshalb habe ich im Lauf der Jahre von Bord genommen, was nicht gebraucht wird. Überflüssige Beschläge und Instrumente, Beiboot und Außenborder, die Gangway, selten gebrauchtes Werkzeug, das Ankerspill. Obwohl Swede 55 kein langsames Boot ist, gibt es bei Leichtwind-Privat Scharmützeln mit bestimmten, generös mit Genua besegelten X-Yachten älteren Baujahrs schon mal Schwierigkeiten. Es sind halt 13 Prozent mehr zu bewegen.

Aufschlussreich sind auch gelegentlich gesegelte Regatten wie Schlank & Rank. Da ist der Vergleich zu klassischen, viel leichteren Schärenkreuzern, wo das Verhältnis von Wasserwiderstand und Antrieb stimmt, bei wenig Wind brutal. Um das heikle Thema Gewicht geht es auch im Beitrag zum Jubilee S40 Touren Schärenkreuzer. Anscheinend war Konstrukteur Knud Reimers da etwas optimistisch.

Den Sportwagen, der schlecht beschleunigt und wie ein Schluck Wasser durch die Kurve geht, geben Sie dem Händler zurück, weil er keinen Spaß macht. Das Leergewicht und das zulässige Gesamtgewicht stehen im Fahrzeugschein. Ein überladenes Flugzeug kommt nicht vom Boden. Bei Yachten werden Einbußen bei den Segeleigenschaften erst gar nicht bemerkt, schöngeredet oder stillschweigend akzeptiert. Die sogenannte Fachpresse juckt es nicht. Seltsam.

Werften, Bootshändler und Vertriebler halten sich bezüglich des Gewichts aus gutem Grund bedeckt. In den technischen Daten sind keine oder allenfalls vage Angaben und entsprechende Haftungsausschlüsse zu finden. Nun wird mit zunehmendem Gewicht Segeln so uninteressant, dass alles unter 2 1/2 Windstärken gedieselt wird. Das passt nicht zur heute betonten Nachhaltigkeit von Segelyachten. Im Mittelmeer, wo meist eine leichte thermische Brise weht, kaufen Sie besser gleich ein Motorboot.

Der zweite, meist übersehene Nachteil des zu schwer geratenen Bootes ist der Tiefgang. Swede 55 war zunächst mit 2 m Tiefgang gedacht. Der Prospekt nannte bald 2,05 m. Tatsächlich sind es 2,15 bis 2,17 m. Mit über 2 Metern Tiefgang steuern Sie in der Dänischen Südsee Häfen wie Marstal, Ærøskøbing, Drejø, Fåborg oder Svendborg an. Die anderen herrlich kleinen Inseln nicht.

Was yachtbaulich möglich ist, hat Per Göran Johansson, der technische Leiter der finnischen Werft Baltic Yachts einmal vorgerechnet. Mehr zu diesen Überlegungen finden Sie in der Rubrik Swede 55 Neubau.

Was können Sie tun?

Falls Sie sich noch orientieren, bevor Sie ein neues oder gebrauchtes Boot kaufen, prüfen Sie das Gewicht der Extras, die Sie gerne an Bord hätten. Das geht im Internet mit wenigen Mausklicks schnell. Planen Sie per Daumenpeilung auch Installationsmaterial wie Fundamente, Schläuche und Leitungen mit entsprechenden Querschnitten ein. Denn mit der Elektrowinsch oder dem Ankerspill ist es nicht getan. Es kommen lange, daumendicke Kabel und ggf. eine separate Batterie dazu. Die neuerdings gefragte Bord Waschmaschine wiegt netto, ohne Fundament und Installationsmaterial um die 50 kg. Dann schauen Sie, ob das zusätzliche Gewicht zum Bootstyp und zur Bootsgröße passt. Wenn Sie sich für die Segeleigenschaften interessieren, streichen Sie unnötig schwere Extras, weil alles leider nicht geht.

Wiegen Sie Ihr Schiff beim nächsten Krantermin. Es ist keine große Sache. So wissen Sie, was leider in keinem Boots”test” nachzulesen ist und ob es überhaupt Spielraum für Extras gibt. Oder Sie nehmen bei nächster Gelegenheit einen Zollstock und vergleichen die tatsächliche Freihordhöhe mit der Werftzeichnung.

Finden Sie Ihren Kompromiß

Falls Sie über ein Fahrtenboot für eine lange Auszeit auf dem Wasser nachdenken, sollte es groß genug sein. Ein 12 t Boot steckt die zusätzlichen 1 – 2 Tonnen eher weg als ein 8 t Boot. Wie viele Nice-to-haves müssen mit? Sind Außenborder, Beiboot, Bordfahrräder, Spezialwerkzeug, Davits, Ersatzteile, Gangway, Geräteträger, Sprit, Stromerzeuger und weitere Technik, die Selbststeueranlage, Zweitanker mit reichlich Kette und Vorräte (Lebensmittel, Getränke, Frischwasser) überhaupt drin?

Wie es die Bootsprofis gemacht haben

Bei der 7Seas, einer laut Werft 8 t schweren Comfortina 39 der Berliner Familie Pilz, seit einer Weile bekannt als Bootsprofis, wurden das Gewicht und die tiefere Schwimmlage in Kauf genommen. Es ist besser, für einen anstehenden Törn mit einem speziellen Boot Zugeständnisse zu machen und in einer bestimmten Lebenssituation zur Karibik und wieder zurück zu segeln. Denn man kann das nur einmal machen. Auch wenn es bei leichtem Wind dann nicht läuft. So kann der Kompromiß auch aussehen.

Irgendwie ist Segeln auch im Zeitalter weichgespülter Boots”tests” und YouTube-Vertriebskanäle mit übersehenen Zusammenhängen schon noch eine Frage der Physik.

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