Yachtberatung: Wohin mit dem Anker?

Swede 55 lässt sich wie in den Siebzigerjahren gebaut unverbastelt genießen. Ob Sie es glauben oder nicht und manchem Eigner auch schwerfällt: man kann dieses Boot einfach segeln wie es ist. Nur ein wichtiges Thema hat die Werft damals leider nicht bedacht, das Ankern. Ein sicher haltender Anker, den man problemlos ins Wasser kriegt und auch wieder an Bord, ist über den Komfort in der Badebucht hinaus wichtig. Man möchte doch irgendwo über Nacht draußen bleiben, wo es meist schöner ist als im Hafen. Und manchmal muß irgendwo ein Sturm vor Anker abgewartet werden.

Seitlich unter dem Bugkorb bei Eos

Die Fisksätra Werft hatte irgendeinen Billigheimer und etwas Leine dazu in die Vorpiek gelegt. Das reicht vermutlich für die geschützten ostschwedischen Schären. Für Gewässer, wo es einen zuverlässigen, entsprechend schweren und unhandlichen Anker braucht, nicht. Wie er ins Wasser kommt, wie Kette und Leine geführt sind und wie das alles ohne Blessuren wieder an Deck wird, blieb dem Eigner überlassen. Viele Swede 55-Segler ließen den Bug wie er ist. Andere machten sich Gedanken und bauten selbst etwas. Eine sehenswerte Lösung gibt es neuerdings bei Eos.

Nach Jahrzehnten auf dem Bodensee gelangte Eos an die Ostsee, wo sich der neue Eigner eine pfiffige Sache ausdachte. Er ist Architekt und hat als Freund geplanten Vorgehens erst mal Maße genommen, nachgedacht und eine Zeichnung gemacht. Er ist so freundlich, seine Ideen und Zeichnungen hier zu teilen und schreibt:

Die Ankerhalterung der Eos. Der Pflugscharanker liegt in einem U-Profil

“Das Boot begeistert mich als klassisches Design der Siebzigerjahre. Es ist eine Augenweide und reine Freude es zu segeln. Für den Anker wollte ich eine Halterung, ohne an Bord viel zu ändern. Außerdem wollte ich bei der Auswahl des Ankers und beim Einbau der Winsch Spielraum haben.”

Der Bügel ist auf der Alufußleiste montiert, dreh- und abnehmbar

Wie die Fotos und Zeichnungen zeigen, bleibt bei Eos die Bugspitze begehbar. Die Konstruktion bringt das Gewicht weiter hinten unter, was beim langen Überhang des Bootes auch ein Gesichtspunkt ist. Interessant finde ich, dass sich zum Segeln in anspruchsvollen Gewässern ein zweiter Anker in einer weiteren Führung auf der anderen Seite startklar unterbringen lässt. Mit ihrer Länge und weit dem vorn stehenden Mast neigt Swede 55 bei viel Wind zum Pendeln. Da halten zwei Anker das Boot ruhiger im Wind. Nachteilig erscheint mir, dass der Anker an den Bug schlagen kann.

Die steuerbord Seite der Swede 55 Eos mit unverbautem Bug

Bugrolle bei Gamle Swede

Beraten von einem Kap Hoorn erprobten Blauwassersegler war Gamle Swede zwei Jahrzehnte mit einem 30 kg CQR Anker, Kettenvorlauf mit 5 t Bruchlast und einer handlich dicken Trosse unterwegs. Sein Rat damals: “Mit einem guten Ankergeschirr musste Du das Boot nicht versichern.”

Um all das ins Wasser zu bringen, braucht es eine leichtgängige Rolle. Die Einzelheiten dieser Sonderanfertigung: Die Ankertrosse liegt in einer etwa 70 mm breiten Rolle mit außen knapp 100 mm Durchmesser, in die eine parabelförmige Führung eingelassen ist. Meist bleibt die Leine beim Ankern in der Rolle liegen. Bei viel Wind, wenn das Boot in weiten Ausschlägen pendelt und großer seitlicher Zug entsteht, wird sie mit einem Bändsel gesichert.

Eine einfache Lösung, die immer funktioniert. Sogar dicke Mooringleinen oder -ketten blieben auf der Rolle. Nachteilig ist, dass der Anker jedesmal aus der Vorpiek gehoben werden muss. Bei absehbarem Gebrauch des Ankers nehme ich ihn vorher aus der Vorpiek lege ich ihn in den Bugkorb. Der Pflugschar passt gut in den Korb, sitzt auf der unteren Strebe, seine Flanken halten ihn seitlich. Ansonsten liegt der Anker vorn im Kasten, wo er nicht stört. Man hat ein aufgeräumtes Deck und im Hafen freien Durchgang an Land durch den nach vorn offenen Bugkorb.

Die Ankerleinenrolle von Gamle Swede

Von wenigen Ausnahmen abgesehen hielt der überdimensionierte Anker ausgezeichnet, obwohl der CQR oder sogenannte Pflugschanker hinsichtlich seiner Haltekraft nicht den besten Ruf hat.

Auf Empfehlung des Blauwasserseglers gab es auch eine handbetriebene Ankerwinsch. Das Spill der Marke Lofrans war eine Katastrophe: schwer, schwergängig und unbenutzbar langsam. Es klemmte ab Werk und wurde nach endlosen Reparaturen zurückgegeben. Ich habe all die Jahre kein Spill gebraucht: sitzt der Anker so fest im Grund, dass er sich nicht anheben läßt, wird er mit belegter Leine überfahren. Das würde ich mit der eleganten Eos-Konstruktion nicht versuchen. Auch Gewichtsgründen würde ich auf Swede 55 wie auch jedem Boot unter 9 t Verdrängung kein Spill einbauen. Der Anker ist von Hand rasch geborgen und verstaut. So kommt man rasch zum Segeln.

Ich brauchte eine Weile, um das Konzept des Bootes zu verstehen. So habe ich den Kap Hoorn-tauglichen Anker nach einer Weile durch ein halb so schweres Modell ersetzt. Neuerdings lasse ich sogar den Kettenvorlauf weg. Der 16 kg Anker lässt sich flott aus der Vorpiek heben und an der Leine ohne die lästige Kette ausbringen. Wer gern ankert, sollte es sich einfach machen. Interessant ist diesem Zusammenhang: Rod Stephens, der Praktiker und versierte Außendienstler des New Yorker Yacht-Konstruktionsbüro Sparkman & Stephens, empfahl in seinem Buch Rod on Sailing, Lessons from the Sea mal einen kleinen handlichen Anker für die Mittags- oder Kaffeepause, als sogenannten lunch hook.

Der Beschlag besteht aus winklig zusammen geschweißten 10 mm Niroplatten und wiegt 5 Kilo. Drei 10 mm Gewindestangen halten ihn am Platz. Er ist so stabil, dass er manchen kleinen Knuff, wie er beim Anlegen über die Jahre unvermeidlich ist, gut überstanden hat.