
Daysailer mit Kajüte
Vor einer Weile besuchte ich einmal das namhafte Yachtkonstruktionsbüro Sparkman & Stephens in New York, wo der seinerzeitige Leiter Bill Langan während des Gesprächs über verschiedene S&S-Entwürfe, es waren große Pötte und stattliche Blauwasseryachten dabei, meinte: „Alle Boote sind Daysailer, ganz gleich, wie groß oder komplex sie sind. Es wird morgens oder am späten Vormittag abgelegt, eine Runde gesegelt und nachmittags, spätestens gegen Abend, wieder zurückgekehrt. Die meisten Eigner haben Familie, einen Beruf und auch noch andere Verpflichtungen und Interessen.“
Daysailer mit Übernachtungsmöglichkeit
Wenn Sie bei dieser Gelegenheit einmal Ihre tatsächliche anstelle der erhofften Segelpraxis der vergangenen Jahre Revue passieren lassen, werden Sie vermutlich feststellen, dass die Beobachtung von Bill Langan stimmt. So viel Boot, wie uns die Branche suggeriert, muss es also gar nicht sein. Es sollte Spaß machen und aussehen, das langt. Ergänzend sollte es menschliche Bedürfnisse wie Vespern, Kaffeekochen, Toilettenbesuch, Katzenwäsche mit Zahnputzgelegenheit und Schlafen erfüllen. Dazu reichen Bückhöhe unter Deck und Stehhöhe im offenen Niedergang.

Der Drachen als ultimativer Honeymooner
Im Prinzip langt also der Komfort eines Lacustre (recht eng), eines Folkebootes (schon besser) oder eines Drachen (wie Lacustre, nur enger). Letzterer ist als Fahrtenschiff der ultimative Honeymooner und allein schon deshalb das geeignete Testboot vor Ansteuerung des sogenannten Ehehafens. Zwei Wochen Urlaub im Drachen und der „Rest“ kann nicht schiefgehen, jedenfalls seglerisch. In diesem aparten Kielboot ist immer Platz für die Pütz, gibt es einen trockenen Winkel für die Luftmatratze, Schlafsack und Zahnbürste.
Der Käfer-Effekt
Ich kenne Segler, die mit leuchtenden Augen von ihren jungen Jahren und manchem Törn mit solchen Schiffen berichten. Es ist wie mit dem Käfer. Man war eben jung und insgesamt näher dran. Das erklärt die Renaissance des Daysailers. Der vor einigen Jahren verstorbene italienische Segelfreund Mario Steiner segelte mit seiner Frau von Genua aus gern die italienische Riviera entlang bis zur Côte d’Azur und zurück nach Ligurien und verbrachte die schönsten Wochen an Bord, bevor sie sich für etwas längere Zossen entschieden, die seiner Frau und ihm immerhin Stehhöhe unter Deck und den Kindern eine separate Achterkajüte bot. Die Steiners wechselten vom Drachen zunächst zum S30 und segelten dann Jahrzehnte eine Swede 55 namens Viveka.
Daysailer als Nachmittagsboot
Seltsamerweise wird beim Daysailer immer von einem von einem sogenannten Trend gesprochen. Nun gibt es das Konzept des einfach vom Steg zu schubsenden Bootes schon lange. Es ist mindestens hundert Jahre alt und somit kein Trend. Die sogenannten L-Boote, eine Art Volksausgabe der von Kaiser Wilhelm II. geförderten Sonderklasse, wurden so liebevoll wie salopp „Nachmittagsboot“ genannt. Diese überzeugend schlichte wie zutreffende Bezeichnung der deutschen Sprache erscheint zutreffender und schöner.

Die Sache mit dem Löffelbug
Solch ein Nachmittagsboot, das aussieht und segelt, das zugleich auf clevere wie pfiffige Weise die Bedürfnisse des Ästheten an den nötigsten Komfort für die eine oder andere Nacht an Bord erfüllt, ist beispielsweise die hier gezeigte Eagle 44. Dieses Boot fängt schon mal gut an, nämlich mit einem hinreißenden Löffelbug. Mit diesem schön proportionierten Bug, dem deutlich hinter dem Steven sitzenden Vorstag, dem niedrigen Freibord und glatten Deck hat es den Charme klassischer Rennyachten, der Meterklassen, der Regattaboote der amerikanischen Universal Rule, der Schärenkreuzer, des Drachen, Lacustre und manches klassischen Renommierschlittens.
So sehenswert der spitze Bug ist, hat er nüchtern betrachtet einige Nachteile. Der Schritt vom Land auf den schmalen Bug will überlegt sein. Die exponierte Bugspitze gefährdet im Schlachtgetümmel der Regatten nicht nur das Nylon des eigenen Spinnakers. Auch das Anlegemanöver sollte klappen, sonst bekommt die Bugspitze eine Macke.

Der vordere Überhang verschenkt Wasserlinienlänge und damit Geschwindigkeit. Das über Wasser schwebende Gewicht lässt das Boot tiefer eintauchen und eher stampfen. Olin Stephens hat einmal erklärt, dass sich der Löffelbug nach seiner Auffassung allenfalls in steiler Stevenform für seegehende Schiffe eigne. Das hat er bereits bei Dorade so gemacht. Nun quert der Nachmittagssegler selten Ozeane, er kämpft sich nicht bei Wind-gegen-Strom-Bedingungen durch den Golfstrom nach Bermuda oder die Elbe hinaus zur Nordsee. Nun sind Boote wie die Eagle 44 eher für schöne Stunden auf dem Ijsselmeer, der Kieler Förde, für den Starnberger See, den Golf von Saint Tropez oder die Bucht von Rapallo gemacht. Da sollte das Schiff in erster Linie so schön wie früher mit einem gestreckten Löffelbug anfangen.
Schöner Lookalike
Die Eagle 44 der niederländischen Leonardo-Werft in Sneek östlich des Isselmeers wurde vor einer Weile vom Amsterdamer Yachtarchitekten Gerard Dykstra gezeichnet. Mit ihrem modernen Unterwasserschiff, bestehend aus einem modernen Flossenkiel vor einem ebensolchen Spatenruder achtern ist die Eagle 44 ein elegantes Boot, das sich allein oder zu zweit gut handhaben lässt. Es ist aus pflegeleichtem Kunststoff und dort, wo man es sieht und viel davon hat, mit einem Teakdeck und einem Mahagoni-Ausbau verschönert.
Spritzkappe wie beim Drachen
Die niedrige Spritzkappe erinnert ein wenig an die Hutze des Drachen. Sie steht dem Boot vor dem umlaufenden Süllrand ausgezeichnet. Auch die Segelgeometrie mit der leicht überlappenden Fock macht eine bella figura. Mit dem gestreckt flachen Achterdeck, das bis zum traditionell geneigten Heckspiegel über einem wunderbar niedrigen Freibord geführt ist, endet die Eagle 44 wie eine veritable Yacht.
So hat die Eagle 44 all das, was der von Nutzwertgesichtspunkten geprägte Serienyachtbau die vergangenen Jahrzehnten abgeschafft hat. Damit die Lebensgefährtin bei passendem Wetter gern mitkommt, bietet der 2,76 m breite Schlitten den nötigsten Komfort, also eine Bordtoilette, eine Badeleiter, eine Handbrause zum Duschen nach dem Schwimmen, ein Waschbecken und eine Kühlbox. Es gibt sogar eine Einbaumaschine für die Flaute am Sonntagnachmittag und für das bugspitzenschonende Anlegemanöver.

Für den Fall, dass die Nacht auf dem Wasser verbracht wird, gibt es eine Doppelkoje im Vorschiff, eine Batterie für das Ankerlicht und Leselampen. Stehhöhe wäre schon, ist aber, wenn das Boot bei 1333 Zentimetern Länge gescheit aussehen soll, nicht drin. Stehhöhe zum An- oder Umziehen, oder für eine Katzenwäsche bietet die Plicht mit dem großen Tisch, wo Spüle und Kühlbox pfiffig unter glänzend lackiertem Mahagoni versteckt sind. In der Plicht gibt es, wie beim Drachen, Lacustre, Folkeboot oder Schärenkreuzer volle Stehhöhe bis zum Sternenhimmel. Das ist bei der Swede 41 Classic genauso.
Zwei Tiefgangsversionen
Damit die Schönheit in den flachen Gewässern Hollands Käufer findet, gibt es sie mit ganzen 1,35 m Tiefgang und für Tiefwassersegler mit einem optionalen zwei Meter Kiel. Für den Fall, dass man mit dem 72 m2 Renner mal in eine Gewitterfront brettert, erhielt das Boot mit der großen Plicht ein selbstlenzendes Cockpit. Die 39 Prozent Ballastanteil erscheinen bei dem schlanken Boot, das bei viel Wind maßgeblich auf das Kielgewicht angewiesen ist, etwas mager. Vorbilder wie die historische J-Class oder Meterklassen sind mit bedeutend mehr, oft sechzig Prozent, unterwegs. So wird die Eagle 44 den tieferen Kiel brauchen. Die Swede 41 Classic ist mit 50 Prozent unterwegs. Ich habe mich nach dem Probeschlag näher mit der beeindruckenden Steifigkeit des Bootes und dem entsprechenden Segeltragvermögen beschäftigt.
Man könnte über das prominente Steuerrad (klassische Yachten dieser Größe haben eine Pinne) und die flämische Polstergarnitur mit der Herrenseglerbank achtern schmunzeln. Die gedanklich in üblichen Nutzwertkategorien gefangene Bootspresse stellt dem Platzangebot unter Deck den Preis gegenüber. Bei dieser seltsamen Perspektive kommt – welche Überraschung – heraus, dass es mehr Koje und Klo fürs Geld gibt. Nun guckt sich klar sehender Mensch einen Maserati an und stellt fest, dass in einen Touran mehr hineingeht.
Von Old Salt zur Eagle 44
Es brauchte Gerard Dykstra, der sich in jungen Jahren mal einen Sechser für das IJsselmeer zurechtmachte, mit seiner Old Salt weite Reisen machte, und die Leonardo Werft, um das Nachmittagsboot-Konzept frisch gemischt und mit pfiffigen Details gespickt neu aufzutakeln. Die auf den ersten Blick bescheidene, für ein Boot dieser Kategorie aber beachtliche Stückzahl mehrerer Exemplare in den vergangenen Jahren bestätigt die Kühnheit, heute einfach mal ein zunächst schönes und auch ein klein wenig praktisches Boot zu bauen. Das große Plus gegenüber klassischen Meteryachten wie dem Sechser ist schon mal, dass man von den Bodenbrettern an Deck der Eagle 44 keine Leiter braucht, es eine ringsum gemütliche Plicht gibt, man sich anlehnen kann und ein ausgebautes Vorschiff mit zwei Kojen drin ist.
Das Muttikriterium zum Schluss
„Du musst die Boote so bauen, dass Muddi mitkommt“, meint Michael Schmidt, der frühere Gründer von Hanse Yachts und jetzige Inhaber von YYachts in seiner schnodderig direkten Art. Schmidt hebt 2026 angeblich das 50. YYachts Exemplar in den Greifswalder Bodden. Der Erfolg gibt ihm recht. Viele Segler und ihre “Muddis” wenden sich von aktuellen Nutzwertbombern von Hanse oder YYachts mit Grausen ab, auch wenn die schon im Ankerkasten volle Stehhöhe bieten. Jeder nach seiner Fasson.

Foto oben von Leonardo Yachts: Eagle 44 beim Probeschlag in Holland. Dank an Lars Brath und Richard Natmeßnig für weitere Fotos und Informationen zu Swede 41 Classic. 16. März 26 veröffentlicht, 16. März 26 aktualisiert. Abonnieren Sie den → kostenlosen Newsletter und Sie verpassen keine neuen Artikel.
