Die neue Fock

Ist ein Blogbeitrag über ein einziges Segel sinnvoll? Ich meine ja, wenn es vorrangig um Segelgenuß geht. Lange habe ich Gamle Swede mit einer zu kleinen und wahrlich aus der Form geratenen Fock gesegelt. Sie stammt von Canon aus dem Jahr 1979. Ob Sie es glauben oder nicht. So lange kann man ein Polyestertuch, auch unter dem Markennamen Dacron bekannt, benutzen. Man muß nur sehr lieb zu ihm sein: es fast jeden Abend zusammenlegen, es trocken aufbewahren und ab und zu zum Segelmacher bringen. Irgendwann habe den alten Lappen mal ausgemessen. Ich stellte erschüttert fest, dass er ganze 24 von vorgesehenen 30 Quadratmetern hat. Mit dieser betagten 80 Prozent Fock waren Regatten ein Fight mit dem eigenen Handicap. Bei viel Wind krängte das Boot unnötig. Bei nachlassendem Wind war sofort auf die Genua zu wechseln, damit es läuft.

Dimension-Polyant Vectron

Als ich die neue Fock Anfang Juli 2018 dichthole, bleibt mir die Spucke weg. Wie besprochen füllt sie die Fläche zwischen Vorstag und Salingen zentimetergenau aus. Segelmacher Arnd Deutsch hat das Segel bis hin zu den Verstellmöglichkeiten der Holepunktschiene zugeschnitten. Die neue Fock ist aus schwerem Tuch und wurde von jemand genäht, der sorgfältig arbeitet. Ich erwähne das, weil es nach meinen Erfahrungen mit mehreren Segelmachern leider nicht üblich ist.

Blick in die neue Fock: mit langen Latten wie ein Großsegel gemacht, davon die oberste durchgehend. Foto: Swedesail

Ihr Achterliek ist wie ein Großsegel mit drei Latten und einer oben durchgehenden Latte  stabilisiert. Deshalb lässt sich die neue Fock weder, wie heute üblich, mit einer Rollanlage aufwickeln, noch wie die alte Canon Fock im Sack verstauen. Sie verschwindet abends in einem langen Schlauch. Das macht mehr Mühe, als das Vorsegel beim Ansteuern des Hafens mit  Zug an der Leine der Rollanlage ums Vorstag zu wickeln. Weil es hier vorrangig um den Segelgenuß geht und ich es nicht einsehe, alle Jahre infolge des Verschleiß ein neues Vorsegel zu kaufen, habe ich keine Rollanlage. Mit etwas Übung ist das Segel binnen Minuten abends an Deck entlang des Unterlieks eingerollt und im UV-Schutz verpackt. Es geht schneller, als das alte Segel in 1/2 m breiten Bahnen zu legen und dann passend für den Segelsack aufzurollen. Der Reißverschluß des 4,30 m langen Schlauchs wird zugezogen und die lange Wurst auf das Kajütdach gelegt.

450 gr/qm Tuch

Als der Lübecker Segelmacher Arnd Deutsch die neue Fock im Herbst 17 an Bord ausmaß, wollte ich ein überdimensioniert schweres Tuch mit reichlich Festigkeitsreserve. Ich wollte ein Segel, das bei mehr Wind oben bleiben kann, ohne dass es gleich hin ist. Den Preis dafür, das pappenartig steife und unhandliche  Tuch, das Gewicht und die allabendliche Mühe es wegzupacken, nehme ich in Kauf.

Bei fünf Windstärken unterwegs nach Troense mit Dampf auf der Vorschot. Foto Stephan Roepke/Picturecoast

Gegen Abend des ersten Segeltages mit der neuen Fock brist es in Dänemark auf gute fünf Windstärken auf. Es drückt das Deck fast in die Ostsee. Wir brettern im Schutz von Aerø bei 8 ½ bis neun Knoten mit Rumpfgeschwindigkeit durch das überwiegend glatte Wasser. Es ist so viel Druck im Tuch, dass sich die Vorschot mit der 46er Andersen Winsch kaum dichtholen läßt. Als wir zwei Tage später durch die dänische Südsee um Tåsinge segeln und im Binnengewässer des schmalen Svendborgsund gegen die Strömung aufkreuzen, sind wir so flott unterwegs wie die dänischen Motorkreuzer.

Deutlich mehr Power

Nach meiner Erfahrung sind beim Segelkauf und -reparaturen nur zwei Dinge sicher:  die Auftragsbestätigung und die Rechnung. Ob das Segel die vorgesehene Größe hat, ob es die vorgesehene Leistung bringt, ob die Reparatur vereinbarungsgemäß  gemacht wurde, ist leider offen. Interessant ist in diesen Zusammenhang ist vielleicht, dass ich Bootskäufer und Eigner auch zu diesem Thema berate. Ein Segel ist eine Maßanfertigung, wo nicht nur Eckdaten wie die Lieklängen stimmen sollten. Auch die Tuchqualität, das Tuchgewicht, der Segelschnitt und die Verarbeitung müssen passen.

Entsprechend groß ist meine Freude über die neue Fock. Das liegt natürlich an den entbehrungsreichen Jahren, wo ich Gamle Swede bei Privatscharmützeln oder offiziellen Regatten unter Par segelte. Wer lange von so einem Segel träumt, weiß es zu schätzen. Das Boot läuft bereits bei zwei Windstärken damit. Ab drei Windstärken am Wind habe ich den Eindruck, ein neues Boot zu segeln. Beglückend ist die Regattapremiere der Fock bei der Max Oertz Regatta 2019.

Tuch Dacron mit gelben Vectranfäden in Schussrichtung des Herstellers Dimension-Polyant, Markenname Vectron, Typ VEC 100
Tuchgewicht 10,5 Unzen = 450 gr/qm (statt 350 Gramm, wie für Swede 55 empfohlen)
Schnitt horizontale Bahnen
Verarbeitung Achterliek mit aufgedoppeltem Tuch, lange Segellatten, Schothorn mit leinenschonend eingestanzter dicker Kausch statt des heute üblichen dünnen Nirorings
Extras spezieller Vorliekstreifen für das Reckmann Profilstag, Trimmstreifen und Spione
Segelmacher Arnd Deutsch, Teerhofsinsel, Bad Schwartau bei Lübeck

Swede 55 in Kühlungsborn

In der ersten Saison wurde das neue Segel noch gefaltet statt gerollt in den UV-Schutz gesteckt. Entsprechend klobig war der Schlauch. Foto: Peter Schwendke für Swedesail

PS: Im Herbst 19 erkundige ich mich bei Arnd Deutsch, ob sich die Kausch nochmal aus dem Schothorn herausnehmen und der belastete Bereich mit einer Lage dickeren Tuches verstärken lässt. Im Unterschied zu jedem anderen Segelmacher, den ich kennengelernt habe, diskutiert Deutsch nicht mit mir darüber. Er macht es. Im Frühjahr 20 bekomme das zusätzlich ausgesteifte Segel ohne weitere Rechnung. Fortsetzung der Gamle Swede-Segelstory folgt.

Foto oben von Carola Karsten, aufgenommen vor Timmendorf/Insel Poel.