
Swede 55 Siloah
Wie lange kann ein Kunststoffboot an Land herumstehen? Ist es eines Tages wieder benutzbar? Erste Antwort: Sie können es 30 Jahre irgendwo abstellen. Handelt es sich um Swede 55, kommen immer wieder Enthusiasten aus Italien, aus Deutschland und anderen Ländern zum Stellplatz, die durch den beklagenswerten Zustand hindurchsehen und es herrichten möchten. Obwohl der Wertverlust eines drei Jahrzehnte vernachlässigten Bootes brutal ist, lässt es sich mit dem richtigen Ansatz weitgehend mit Bordmitteln und Fleiß retten.
Verfolgen wir die Reise des Bootes von Västervik über Kiel und vom Golf von Genua bis Elba und die abenteuerliche Überführung zum Ende der Segelsaison 2019. Der Törn führte von Italien nach Gibraltar, nach Norden und schließlich nach Osten, zunächst bis Emden. Sie endete im Jahre darauf in den ostschwedischen Schweden.
Siloah in den Achtzigerjahren
Swede 55 Nr. 22 wurde vom deutschen Fisksätra-Vertreter Norbert Deicke und seiner Frau vermutlich 1979 vom ostschwedischen Västervik nach Kiel überführt und am 15. August 1979 an den deutschen Eigner verkauft. Der Touren Schärenkreuzer wurde nach einer Band des Eigners benannt, die psychedelische Musik spielte. Nach ersten Wochen auf der Ostsee mit lebhaft vom Sohn des Eigners erinnerten Sprints nach Langeland gelangte Siloah per Tieflader nach Lavagna an den Golf von Genua, wo sie eine Weile teils an Land, teils im Hafen stationiert war. Dann wurde sie nach Portoferraio/Elba verlegt, wo das Boot die Wintermonate bei der Esaom Marina an Land stand. Siloah wurde alljährlich Ostern für die Segelsaison zu Wasser gelassen und im Herbst ausgewassert.
Das erste Jahrzehnt des Bootes im sonnigen Süden wird als glückliche Zeit erinnert. Die Eignerfamilie erkundete das toskanische Archipel, eines der schönsten Gewässer zum Fahrtensegeln mit warmem Wasser, Buchten, italienischer Küche, und genoss eine Freiheit, wie sie nur ein Boot bieten kann. Hinzu kam der Genuss agilen Segelns mit Swede 55.
Der Eigner stammte aus begüterten Verhältnissen und wohnte an einem Ufergrundstück am Ammersee. In der Garage stand das Coupé eines 12-Zylinder-Jaguar XJS in British Racing Green. Als Freigeist interessierte er sich schon damals für gesunde Ernährung und spielte Bach auf dem Cello. Einer seiner beiden Söhne besuchte zusammen mit Thomas Pfiffner ein Internat am Ammersee. Dieses Institut wurde 1905 als Landerziehungsheim Schondorf gegründet, war zunächst nur für Jungen zugänglich und verfügte über einen eigenen Bootssteg, der den Ammersee zum Rudern und Segeln zugänglich machte. Die Idee war, Bildung mit handwerklichem Können zu verbinden. Später erhielt das Internat den Namen Landheim Schondorf.
So ergab es sich, dass der Sohn des Eigners, mit Pfiffner und anderen Freunden einen Sommerurlaub an Bord von Siloah verbrachte und das Gewässer rings um die sieben Inseln Giannutri, Giglio, Montechristo, Pianosa, Elba, Capraia und Gorgona unsicher machten. Der Vater erlaubte seinem Sohn, der damals Anfang zwanzig war, alleine mit seinen Freunden zu segeln. Bei einer anderen Gelegenheit begleitete Pfiffners Schwester den Eigner und seine Familie an Bord der Siloah. So erfüllte das Boot mit sieben Kojen, verteilt auf 13 Metern Länge seinen eigentlichen Zweck: Es bot bleibende Erinnerungen.
Ansteuerung der Gefängnisinsel Gorgona mit Siloah
Teure Hafengebühren wurden mit Ankern in der herrlichen Buchten rings um Elba gemieden. Die Burschen schwammen mit einigen Lira in der Badehose an Land, schnitten Fischernetze vom Kiel und machten Bekanntschaft mit jungen Italienerinnen, wie Thomas Pfiffner erinnert. Weniger gut war die Idee, die italienische Gefängnisinsel Gorgona mit Siloah anzusteuern. Seit dem Törn mit Swede 55 träumte Pfiffner von klassisch eleganten Segelbooten. Lesen Sie dazu die verlinkten Artikel.
→ Wie Pfiffner eine International 10.06 zurechtmachte, → Vergiss den Porsche
Siloah in Portoferraio
Seit Ende der Achtzigerjahre blieb Siloah an Land stehen, wo ihr Kiel buchstäblich Wurzeln schlug. Ich gehörte zu denjenigen, die versuchten, das Schicksal des Bootes zu ändern, nachdem ich anhand der charakteristischen 5/6tel Takelage eine Swede 55 hinter den Mauern des Bootslagers der Esaom Marina in Portoferraio auf der italienischen Insel Elba entdeckt hatte. Im August 1993 fuhr ich mit Fieber infolge einer Lungenentzündung im Taxi zum Pronto Soccorso, der Notaufnahme des Krankenhauses von Portoferraio. Dennoch war ich mir sicher, eine Swede 55 gesehen zu haben. Es war so ziemlich das Letzte, woran ich mich erinnerte. Als ich die Augen öffnete, lag ich in einem Bett und blickte in das Gesicht eines katholischen Geistlichen. Ein freundlicher Mann in schwarzer Robe segnete mich. Zuerst dachte ich, das sei es nun gewesen. Immerhin hatte noch ein vertrautes Boot gesehen. Später erfuhr ich, dass ich während der ärztlichen Untersuchung zusammengebrochen war. Etwa zehn Tage später, als ich mit dem Taxi zum Flughafen fuhr, war ich noch zu schwach, um mir das Boot anzusehen. Das holte ich sieben Jahre später nach.
Wie lange kann man eine Swede 55 vernachlässigen?
Im Juni 2000 gelangte ich auf den Bootslagerplatz von Esaom, wo ich erfuhr, dass das Boot bereits seit elf Jahren dort stand. Ich fand eine Leiter und stieg an Bord. Das einst glänzend weiße Gelcoat war kreidig geworden. Das Teak der Plicht war hin, und das Schiebeluk stand einen Spalt offen, sodass ich unter Deck steigen konnte, wo ich die Bilge leerte. Es war traurig, diese wunderschöne Swede 55 – einst in den Stockholmer Schären und auf Bootsmessen vielbewundertes Boot – in einem solch traurigen Zustand zu sehen: ungeschützt unter freiem Himmel, verdreckt und anscheinend aufgegeben.
Wenn der Eigner seine Swede 55 behält
Ich machte den Namen des Eigners ausfindig, rief ihn an und stellte mich als Swede 55-Liebhaber vor. Ich berichtete, dass ich sein Boot betreten, das Wasser herausgepumpt und die Bodenbretter geöffnet hätte, um die Bilge zu lüften. Er hörte sich das alles mit seltsamem Desinteresse an. Vergeblich schlug ich ihm vor, einen Käufer für das Boot zu finden. 2003 versuchte er gemeinsam mit seinen beiden Söhnen nach Boot in Portoferraio flottzumachen. Es war ein besonders heißer Sommer mit 30 Grad Celsius in der Nacht. Sie begannen mit dem Ausbau der Borddurchlässe und nahmen den Treadmaster-Belag teilweise ab. Es war das letzte Mal, dass die Familie an Bord war.
Später erkundigte sich sein Sohn nach einer Segelgelegenheit mit Gamle Swede auf der Ostsee und nach einem Swede 55 Halbmodell. Im Jahr 2015 schlug ich in der Annahme, dass die Liegegebühr den Wert des Bootes aufzehren oder den Verkaufspreis übersteigt, erneut vor, das Boot zu verkaufen. Bei diesem Telefonat machte der Eigner die Werft dafür verantwortlich, dass sie sich nicht um sein Boot gekümmert habe und es zu Vandalismus an Bord seiner Yacht gekommen sei. Das war der Moment, in dem ich aufgab. Später berichtete einer seiner Söhne, dass Instrumente und Segel abhanden gekommen waren.
→ Gamle Swede, → Liste aller Swede 55, → Geschichte der Fisksätra Werft, → Swede 55 Halbmodell
Im Laufe der Jahre erkundigten sich andere Segler vergeblich nach der Möglichkeit, das heruntergekommene Boot zu kaufen und es in Ordnung zu bringen. Offenbar übernahm 2018 ein Deutscher, der mit klassischen Schärenkreuzern vertraut ist, die Siloah. Anfang 2019 kontaktierte er mich wegen einer technischen Frage.
Eine Besonderheit von Siloah ist die Unterbringung der Wassertanks zwischen den Rückenlehnen des Salons und der Bordwand im Stil moderner Boote, die mit Wasserballast gesegelt werden.

Zügige Instandsetzung und Überführung
Der neue Eigner tauschte den Motor, montierte neue Borddurchlässe, installierte einen neuen Autopiloten und machte das Nötigste. Am 9. September 2019 brach er mit einem geliehenen Großsegel in Italien auf. Die Reise ging westwärts über Formentera nach Gibraltar und anschließend nordwärts in Richtung Ärmelkanal. Das weitgehend unbekannte Boot wurde von einer dreiköpfigen Crew erfahrener 30er Schärenkreuzer Segler – über Cascais, La Coruña, Douarnenez und Guernsey überführt, wo sie bereits nach einem Monat ankamen. Starke Südwestwinde begünstigten die Reise, besonders entlang der portugiesischen Küste, wo kräftige Nordwinde diesen Kurs erschweren. Siloah erreichte beim rasanten Ritt durch die bewegte Biskaya 13 und einmal sogar 16 Knoten. Zweimal gelangte ordentlich Wasser in die Mittelplicht. Auf dem Weg nach Formentera hatte sich der Ankerkasten durch einen verstopften Abfluss gefüllt. Langeweile oder gar Entspannung gab es also unterwegs weniger.
Die drei Segler setzten die Reise über Eastbourne, IJmuiden, Amsterdam, das Markermeer, das IJsselmeer und Stavoren bis nach Emden fort. Dort wurde Siloah für den Winter eingemottet. Eine bemerkenswerte seglerische Leistung – schnell dank geschickter Nutzung des Windes und begleitet von einigen Zwischenfällen, die ebenso unkompliziert gemeistert wurden wie die Vorbereitung der Reise. Im Jahr darauf, gut vier Jahrzehnte nach ihrem Verkauf, kreuzte Siloah ihr Kielwasser auf der Kieler Förde.

Von Siloah zu Jay Gee
Im Sommer 2020 kehrte das Boot in die ostschwedischen Schären zurück, für die Swede 55 einst entstand. Seitdem segelt das lange vernachlässigte Boot im Stockholmer Schärengarten. Wie das Foto unten zeigt, mit einem neuen Namen. Es ist aufgeräumt, ohne Relingdrähte und Relingstützen unterwegs. Ein Segelfreund meines Bruders entdeckte es am 26. Juni in einem der schönsten Reviere für Regatten und Fahrtensegler: dem Stockholmer Schärengarten. Von ihm stammt das unten stehende Bild.
Swede 55 – ein Boot mit gewissem Etwas
So scheint es nach mittlerweile 47 Jahren ein Happy End für Siloah zu geben – jene Swede 55, die 1979 bei Fisksätra Varv in Västervik an der schwedischen Ostküste vom Stapel lief. Die Geschichte erinnert an die Rettung der Valhöll, einer Swede 55, die von ihrem Londoner Eigner teils aus Sentimentalität behalten, teils vergessen und rund zwei Jahrzehnte lang im Itchen River lag, bevor sie 2021 hergerichtet wurde.
Swede 55-Eigner behalten ihre Boote und mancher wartet anscheinend etwas zu lange darauf, dass die nächste Generation das Boot poliert und auftakelt. Sie wissen mehr über die Geschichte der Siloah und können etwas dazu beitragen? Ich freue mich auf Ihre Hinweise per E-Mail.
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Foto oben: Siloah am Landstellplatz der Esaom Marina in Portoferraio/Elba mit mediterraner 220 Volt-Elektrik im Vordergrund. Dank an Ulf Torberger, Lars Nordlund und Axel Merlewede. Merlewedes Foto führte dazu, dass die Geschichte von Siloah erzählt wurde. Veröffentlicht am 19. Juli 26, am 24. Juli 26 aktualisiert. Abonnieren Sie den → Newsletter und Sie verpassen keine neuen Artikel.
Quellen
- Avräkning per 1 May 1980 Swede 55 (Abrechnung der Provisionen für Konstrukteur Knud Reimers und Projektentwickler Olof Hildebrand anhand der Swede 55 Verkäufe bis Boot Nr. 26 zum 1. Mai 1980) von Olof Hildebrand
- Lars Nordlund: 30:a Seglares Äventyrssegling. (Segelabenteuer einiger 30er Schärenkreuzersegler). Bericht über die Vorbereitung und Überführung der Swede 55 Siloah von Portoferraio/Elba nach Emden im September/Oktober 2019. Erschienen in Heft 3/189 des vierteljährlich erscheinenden Magazins Skärgårdskryssaren des Svenska Skärgårdskryssareförbundet, SSKF
- Telefonate mit dem ersten Bootseigner, Kontakt mit einem seiner Söhne
- Erinnerungen von Thomas Pfiffner
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