
Swede 75 Special Birgit
Vor einigen Jahren entdeckte ich im Vereinshafen des GKSS in Långedrag bei Göteborg ein sehr vertrautes Boot. Es war Swede 55 unübersehbar ähnlich und doch in vieler Hinsicht anders. Der markanten Form mit dem eckigen Kajütaufbau, der Plicht und dem etwas schlankeren Heck zufolge war es an Deck aus Holz. Es waren stürmische Tage und angesichts des starken Windes war an Segeln nicht zu denken. Der Kattegat tobte, die salzige Flut schäumte zwischen den Schären und der Sturm schickte reichlich Gischt über die Mole.
Wie ich Birgit in Långedrag entdeckte
Nachdem wir die Reise von Lübeck via Spodsbjerg, Ballen und Anholt zu den westschwedischen Schären zügig absolviert hatten, war die erzwungene Hafenpause den Segelfreunden und mir recht. So sahen wir uns Göteborg an und ich natürlich das interessante Boot am Ende der Außenmole. Der gestreckte, stufenlose Aufbau und das traditionell gewölbte Kajütdach gab dem Boot eine wunderbar schlichte skandinavische Note. Zwei seitliche Bügel am Vorschiff als Relingersatz und die Pinne verrieten, dass hier ein erfahrener Segler einen Traum verwirklicht hatte.

Erste Tjörn Runt Regatta im 22er Schärenkreuzer
Obwohl das Boot Anfang der Achtzigerjahre entstand, beginnt die Geschichte von „Birgit“ bereits in den Vierzigerjahren in Aalborg am Limfjord mit der Prägung des Eigners. Dort wuchs der Däne Simon Petersen mit Jollen und dem klassischen Dreimannkielboot Drachen, Nordischen Kreuzern, IODs und Meterklassen auf. Damals wurde ohne Motor aus den Häfen gesegelt. Die Boote gelangten mit seglerischen Geschick durch die zahlreichen schmalen Passagen des Limfjords – was bei der Ost-West-Richtung des Gewässers fast unmöglich ist – und unversehrt wieder zum Liegeplatz.
Petersens Bekanntschaft mit dem klassischen Schärenkreuzer
Das Studium an der Göteborger Chalmers-Universität führte Petersen nach Schweden, in die Heimat des Schärenkreuzers. 1964 startete er mit seinem 22er namens „Scirocco“ und 14 weiteren Teilnehmern zur ersten Tjörn Runt Regatta. Einige Jahre und Boote später machte Petersens Frau Birgit ihrem Mann klar, dass es nun Zeit für gewissen Komfort sei. Für Steh- statt Bückhöhe, eine Toilette statt Eimer, und einen Motor statt Paddel. Eine Heizung und eine Achterkajüte wären auch ganz schön. Da mehr Komfort beim sportlich schlanken Boot über die Länge zu realisieren ist, gelangte Petersen zu Swede 55 und Knud Reimers.
Was Petersen bei Birgit gegenüber Swede 55 änderte
Mit Reimers Einverständnis änderte Petersen den Rumpf über Wasser mit einer leicht überarbeiteten Form des Vorstevens. Er verlängerte das Heck um einige Zentimeter. Petersen betont, dass beide Maßnahmen aus ästhetischen Gründen erfolgten und es bei der Wasserlinienlänge blieb. Das Unterwasserschiff hingegen überarbeitete Petersen grundlegend. Hier stammt alles – einschließlich Kiel und Ruder – von seinem Reißbrett. Das deutlich größere Balanceruder sorgt gemeinsam mit dem kurzen Kiel dafür, dass sich das Boot unter allen Bedingungen hervorragend manövrieren lässt. Zur Manövrierfähigkeit unter Motor trägt die lange Welle bei, deren Wellenbock den Propeller dichter als bei Swede 55 (mit Saildrive) vor das Ruderblatt führt und für eine direkte Anströmung des Blattes sorgt.
Der Rumpf wurde von Båtbyggarna in Rönnäng gefertigt, während der gesamte weitere Ausbau – einschließlich Kiel und Ruder – in Petersens Werkstatt in Aalborg erfolgte. Der Rumpf entstand aus Kunststoff, wohingegen Deck, Cockpit, Heck und weitere Bauteile aus Holz gefertigt wurden.
Spätere Änderung der Segelgeometrie und Karbonmast
2004 erhielt „Birgit“ eine vereinfachte neue Takelage mit einem Karbonmast und kleinerem Vorsegeldreieck. Seitdem verfügt das Boot nur noch über drei Segel: eine Fock, ein Großsegel und einen relativ kleinen, flachen Spinnaker. Die einzige Möglichkeit, die Segelfläche zu verringern, besteht im Reffen des Großsegels. Sämtliche Fallen, Trimm- und Reffleinen wurden so ins Cockpit umgeleitet, dass man – abgesehen vom Setzen oder Bergen des Spinnakers – nicht an Deck gehen muss.
Der Vorteil dieser Konstruktion ist, dass zwei Personen das Boot bei allen Wetterbedingungen problemlos segeln können und es sich auch im engen Gewässer der Schären allein unter Großsegel gut manövrieren lässt. Der Nachteil ist, dass das Boot erst bei Windgeschwindigkeiten von über 7 m/s optimal segelt.
Bootsdaten Swede 75 Special Birgit
| Länge über alles | 16,20 m |
| Breite | 3 m |
| Tiefgang | 2,30 m |
| Verdrängung | 8,4 t |
| Ballast | 3,52 t |
| Ballastanteil | 50 % |
| Fertigung des Kunststoffrumpfes | Båtbyggarna in Rönnäng/Schweden |
| Motor 1,6 l VW Diesel | 42 PS |
| Antrieb | Welle mit 18″ Faltpropeller |
Foto oben vom Eigner: Birgit im GKSS‑Clubhafen von Långedrag. 28. September 26 von Erdmann Braschos veröffentlicht; 28. September 26 aktualisiert. Abonnieren Sie den → kostenlosen Newsletter und Sie verpassen keine neuen Artikel.
